Weg, Wahrheit, Leben


Wegbeschreibung


1. Petrus 1, 3 - 9
Predigt in Heiningen und Eschenbach, Quasimodogeniti, 28. April 2019

 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte euch heute zuerst von einer eigenartigen Taufe erzählen. Jedenfalls ist sie für unseren Kulturkreis eigenartig. Sie fand bei den Batak auf der Insel Sumatra statt – also in Indonesien.

Ein Junge soll sein Datu-Examen am Ufer des Flusses Bah Bolon ablegen. Ein Datu ist im Volk der Batak ein Zauberpriester, so etwas wie ein Schamane. Der Junge heißt Si Ala Piso, das bedeutet: Messermann. Und er ist der Sohn des Weißen Elefanten.

Schon vor dem festgesetzten Tag hat sich eine große Menge Neugieriger am Ufer versammelt. Sie liegen und hocken in den Grasstreifen am Fluss.

Zweimal muss der Junge im Fluss untertauchen. Beide Male geschieht das so:
Der alte Datu steckt ihm eine Handvoll scharf gewürzten Reis in den Mund. Mit geblähten Wangen, festgeschlossenen Lippen und durch die Nase atmend steht Si Ala Piso einen Augenblick reglos im Ufergras. Dann taucht er mit kühnem Sprung in den tiefen Bah Bolon. Der Datu starrt hinab und zählt mit geheimnisvollem Blick und einem grausamen Lächeln die Sekunden. Er zählt lange und starrt über den breiten Strom und das Land, als habe er die Geisterfahrt seines Neffen vergessen. „Kommt er noch nicht? Taucht er denn nicht mehr auf?“ flüstern sich die Leute zu. „Nein, er kommt nicht wieder. Er ist tot“, sagt gedämpft ein Mann. „Der Geist des Bah Bolon hat ihn ermordet.“ „Der Datu hat ihn ermordet“, fügt ein anderer hinzu, der etwas mehr zu sagen wagt. „Der Datu sieht nicht gern einen neben sich, der mächtiger ist.“ Schließlich gibt der Datu einen sonderbaren Schrei von sich, der sogar das Wasser durchdringt…
Der Junge lebt noch. Er schießt an die Oberfläche und schwimmt mit ermatteten Schlägen. Sein Gesicht ist entstellt. Seine Augen sind blutunterlaufen, und ein paar
Blutstropfen treten aus den Ohren. Er muss einen furchtbaren Kampf mit dem Flussgeist bestanden haben. Aber er lebt. Er spuckt den Brei seinem grausamen Lehrer vor die Füße…Si Ala Piso hat die Prüfung bestanden; er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt. Nun steht seinem eigenen ruhmreichen Weg als neuer Datu nichts mehr entgegen.
Der Bericht über eine Taufe. „Tauchen“ und „Taufen“ sind ursprünglich dieselben Worte. Hier ist es keine christliche Taufe, sondern ein „Initiationsritus“, eine Prüfung für das Amt des Zauberpriesters. Die Niederländerin
Margaretha Anna Maria Renes-Boldingh beschreibt dies in ihrer Erzählung „Der Sohn des Weißen Elefanten“, ausführlicher und spannender. Eine Geschichte aus der Mission im 19. Jh. Ludwig Ingwer Nommensen war im 19. Jh. bei den Batak von Sumatra im Auftrag der Rheinischen Mission unterwegs.
Damit verlasse ich diese Geschichte selbst und wende mich der Taufe zu.

Die Taufen, die in unseren evangelischen Kirchen stattfinden, sind ja wohl etwas ganz anderes. Meistens werden kleine Kinder getauft, und meistens kommen sie mit dem Wasser kaum in Berührung. Dann hat der Pfarrer mal eben mit einem feuchten Finger die Stirn des Babys berührt. In katholischen Kirchen muss wenigstens noch ein bisschen Wasser fließen. Aber das gibt es tatsächlich auch in evangelischen Kirchen in Einzelfällen doch noch, dass die Täuflinge untergetaucht werden – Erwachsene meistens – in einem Fluss oder einem großen Becken, dem „Baptisterium“.

Ich habe mich gefragt, wie das war, als Jesus von Johannes getauft wurde, und wie die Taufen des Johannes am Jordan abgelaufen sind. Von Johannes dem Täufer haben die Christen ja die Taufe geerbt. Ich kann mir das schon vorstellen, dass seine Taufen eher so waren, wie die von Si Ala Piso auf Sumatra. Eine gefährliche Taufe, die für den Täufling zu einer Nahtod-Erfahrung wurde. Ein Untertauchen bis zur Todesangst. Und dann danach das Auftauchen aus dem Fluss, tief einatmen – das ist dann wie die Wiederentdeckung des Lebens.

Ich weiß nicht, ob es bei Johannes und Jesus wirklich so war. Aber ich kann es mir vorstellen. Denn auch wie der Apostel Paulus die Taufe deutet, ist sie so etwas wie eine Nahtod-Erfahrung:
 „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ Das steht in Römer 6, 3-5. Die Taufe ist bei Paulus sogar: ein Begraben-Werden mit Jesus. Für heutige Ohren ganz schön heftig. Zum Glück spricht er auch von der Auferweckung und dem neuen Leben.
Jesus ist einmal von Johannes getauft worden. Am Anfang seines Wirkens in Israel. Und dann ist er noch einmal getauft worden: getauft in den Tod! Und wer sich mit der Taufe befasst, muss sich automatisch mit Leben und Tod befassen. Mit seinem eigenen Leben und Tod und mit Leben und Tod des Jesus Christus. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“.

Der Tod ist nicht einfach! Da geht man nicht „g'schwind“ durch eine Tür von einem Raum in den anderen. Nach dem Tod folgt nicht automatisch die Fortsetzung des Lebens unter anderen Rahmenbedingungen. Das wollen einem allerdings leider allzu oft die religiösen „billigen Jakobs“ einreden – eine banale Vertröstung: nach dem Tod, sagen wie, folgt ein Leben, in dem alles, alles erst recht himmlisch zugeht, das wahre Leben. Daumen hoch!
Das wahre Leben fängt erst nach dem Tod an.
Andere behaupten, man gehe mit dem Tod ein in den ewigen Kreislauf des Kosmos. Tröstet dich das? Mich nicht. Wo bleibt dann mein Ich, meine Persönlichkeit, mein Wert, meine Würde?

Oder sie sagen: „Nach dem Tod lebst du weiter in der Erinnerung deiner Lieben!“ Die Erfahrung lehrt da anderes: nach spätestens drei Generationen ist dein Name vergessen. Und wenn dir jemand ein Denkmal gebaut hat – auch das ist eines Tages vergessen und verwittert.

Ihr solltet euch klar sein: Wer mit solchen Ideen „hausieren“ geht, verharmlost die Erfahrung von Sterben, Leiden, Tod und Trauer. Er nimmt den Tod nicht ernst, das brutale Nein zum Leben. Mit jedem Tod erlischt ein ganzes Universum. Die „billigen Jakobs“ nehmen den Tod nicht ernst, und nicht die Menschen in ihrer Not – und ihre eigene Sterblichkeit auch nicht. Und vor allem: sie nehmen das nicht ernst, was Jesus mit seinem Gang an das Kreuz auf sich genommen hat. Sie nehmen das Erlösungswerk Jesu, das Erlösungswerk Gottes nicht ernst.
Der Tod ist nicht belanglos!
Wie kann der Tod zur Taufe werden? Wie ist das mit der „Wiedergeburt zu einer lebendigen Hoffnung“ gegen den Tod und seine lähmende Macht?
Sind das Wiedergeburten – wie bei Hindus und Buddhisten? Die finden das allerdings nicht gerade erstrebenswert: einen ständigen Kreislauf des Lebens – mit allem Leid und Entbehrungen. Sie sehnen sich nach einer endgültigen Ruhe, nach dem Nirwana.
Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt: „Was wird nach meinem Tod sein? Ich weiß es nicht, und ich muss es nicht wissen. Aber wenn Gott lebt, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass unsere Tränen umsonst geweint wurden und dass die Opfer ungetröstet bleiben … und so wiederhole ich das Versprechen, dass Gott einmal alles in allem sein wird und wir in ihm.“ Das ist doch die Hoffnung der Christen: „
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb. 21, 3 ff)
Da ist der Wegweiser: der Weg durch den Tod, den Jesus Christus vorausgegangen ist. So glaube ich es! Alles neu. Nichts von dem, was ist, bleibt! Gott verspricht eine neue Schöpfung – eine vollständig neue Schöpfung. Das elektrisiert mich: Ich suche nach dem Leben, das für die Ewigkeit taugt. Und ich weiß: Die Orte, die Menschen, die Freuden hier sind nur Zwischenaufenthalte. „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Diese Botschaft aber zieht mich in die Zukunft wie ein großer Magnet. Mein Leben findet das Ziel nicht hier, sondern weit hinaus hinter dem Horizont. Und ich finde dort Zustimmung von einem Du jenseits von mir, gegenüber von meinem Ich – und zwar für diese Gegenwart, für mein Leben jetzt. Da wird endlich bestätigt, dass ich von Anfang an gewollt bin. Ich lebe ja nicht nur, weil meine Eltern sich einmal ein Kind wünschten. Ich lebe, weil die Seele des Lebens, weil Gott mich will. Das gibt mir Mut und Würde zum Leben.

Und das ist es, was Jesus zu bieten hatte, womit er Menschen gewonnen hat: mit seinem Leben, schon vor seinem Kreuz, vor seiner Auferweckung. Das ist es, was die verlorenen Schafe, die verlorenen Söhne und Töchter bei ihm gefunden haben – und was ihnen für immer geblieben ist. Menschen haben begriffen: Ich bin nicht verloren in den unendlichen Weiten des Kosmos. Ich lebe, weil Gott mich will. Er liebt mich!

Und jetzt lese ich den für heute vorgeschlagenen Predigttext: 1. Petr. 1, 3 – 9.

„3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.

6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. 8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.“

Ich habe die Worte am Anfang des 1. Petrusbriefs gelesen.

Bei ihm ist also „Wiedergeburt“ das Wort, das beschreiben will, was in der Taufe geschieht. Es ist wieder einmal eines von den Worten, das etwas ausdrücken soll, für das es eigentlich keine menschlichen Worte gibt. Das ist ja mit dem Wort „Auferstehung“ auch so: Ich glaube an die Auferstehung Jesu von den Toten. Es ist etwas geschehen, aber mir fehlen die Worte, es angemessen auszudrücken. Wie auch?! Denn WAS da faktisch mit Jesus geschehen ist, ist nirgendwo beschrieben. Es gibt nur ein Vorher und ein Nachher bei seinen Nachfolgern. Und das waren erhebliche Veränderungen. Perspektiv-Änderungen für ein ganzes Leben, neues Leben, eine „Neu-Geburt“, eine „Wiedergeburt“ – die Taufe ihres Lebens. Die Entdeckung, dass ihr Leben tauglich war für die Ewigkeit – ewigkeitstauglich.

Viele Male habe ich diese Worte vorgelesen. Meistens allerdings nicht bei Taufen, sondern bei Trauerfeiern. „Wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Die Osterbotschaft! Genau die gehört auf die Friedhöfe, an die Gräber. Es geht um die Taufe des Lebens! Es geht darum, dass sich dein und mein Leben einfindet in der liebenden Umarmung Gottes.

Ich lese aus einem Brief, den ein Arzt schrieb, der nach seinem Herzinfarkt ziemlich genau wusste, was ihn erwartete.
„Ostermorgen, 4.00 Uhr. Liebe Freunde! … ich kann nicht mehr schlafen, lasst mich Euch folgendes erzählen: … Ich will keinem was aufschwatzen. Aber … ich habe das Geborgensein, das Aufgehobensein gespürt. …Unsere Zweifel sind unnötig, geborgen links, rechts, vorne, überall, »im Leben wie im Sterben«, tot oder lebendig, es ist völlig schnuppe, vor Gott, während oder nach dem Infarkt, wohin ich sah: Geborgenheit… Von Kierkegaard (stammt der Satz): teneo quia teneor. - Ich halte, weil ich gehalten werde. Dieses Gehaltenwerden, dieses Geborgensein ist primär, das Halten ist sekundär. Ich meinte immer, wenn ich halte, hält er mich, Ich glaube, es ist alles theologischer Unsinn. Weil er uns hält, halten wir ihn! Wir würden ja unsere Leistung mit dem Kreuzestod Jesu in Konkurrenz setzen. …Glaubt mir, dass es stimmt: Geborgen in beiden Existenzen, im Leben, wie im Tod. Der Status ist vor Gott völlig gleichgültig, wir sind des Herrn. … Gerade 6.00 Uhr. Im Radio spielen sie: »Christ ist erstanden von  der Marter allen ... « Seitdem stimmt die Tatsache: Geborgenheit. Frohe Ostern!“
Amen.

Literatur:
M. A. M. (= Margaretha Anna Maria) Renes-Boldingh, Der Sohn des Weißen Elefanten, Übertragung: Hans Stück, Gladbeck (o. J., vermutl. 1960 – 1970)
Fulbert Steffensky, Auf halber Treppe sitzen wir (Titel von PV-Info), in: PV-Info (Pfarrverein Westfalen) April 2019
Dr. Wilhelm Giesen, ein Brief, aus: Festschrift Hans Thimme zum 60igsten (1969?)

 

 

 

Pfingstmontag, 21. Mai 2018, Bad Boll
Epheser 4, 11 – 16

11 Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, 12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi,
14 damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.
15 Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. 16 Von ihm aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum, sodass er sich selbst aufbaut in der Liebe – der Leib, der zusammengefügt und gefestigt ist durch jede Verbindung, die mit der Kraft nährt, die jedem Glied zugemessen ist.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
kennt Ihr das? Man betritt einen Raum, in dem sich schon einige Leute versammelt haben. Es herrscht Stille wie im Wartesaal beim Arzt. Die Menschen sitzen in zwei Blöcken: ein Block mit Frauen, ein Block mit Männern. Im Block der Männer, gerade da, wo die Allerältesten sitzen, steht ein Tisch – darauf ein kleines Rednerpult und eine Bibel, manchmal auch noch ein Teller für Brot und ein Kelch für Wein, mit einem Tuch abgedeckt für den späteren Gebrauch. Lieder werden mehrstimmig gesungen – ohne Instrumentenbegleitung. Gebete erfolgen nur von den Männern, Lesungen und Auslegung ebenso. So will es wohl der Heilige Geist. Kennt Ihr das?
Ich habe das so in der sog. „Christlichen Versammlung“ als Kind und Jugendlicher erfahren. Die Idee folgte den englischen „Plymouth-Brüdern“, und sie gründete sich auf die Theologie von John Nelson Darby, 19. Jh. Deshalb nennen Außenstehende sie gerne „Darbysten“. Die Versammlung ist extrem am biblischen Text orientiert. Heute würde man sogar „fundamentalistisch“ sagen. Radiohören, Kinobesuche, Tanzen und Partys oder gar freundschaftliche Kontakte mit Mädchen standen für uns Jungen damals auf der Verbotsliste – als teuflische Verführungen. Für mich, den Jungen in der Pubertät, war es besonders schwer zu erleben, wie frei und manchmal zügellos sich meine Altersgenossen bewegten, während ich in einer moralischen Zwangsjacke steckte.
Es gibt viele religiöse Gruppen, in denen es ähnlich zugeht. Die Idee, die dahintersteht: Man möchte sich als Christen zusammenfinden, wie es die Urgemeinde getan hat – also wie es angeblich die ersten Christen nach Pfingsten taten.
Wie muss denn eine Gemeinde, eine Kirche aussehen? Und wofür soll denn solch eine Kirche gut sein? Der Epheserbrief, der nicht nur für Ephesus bestimmt war, entfaltet sein Bild einer Gemeinde. Drei 3 Stichworte habe ich aufgegriffen: Wie sollte eine Gemeinde sein? Und ich nehme mir die drei Stichworte in umgekehrter Reihenfolge vor – also anders als im Brieftext.
1. Wahrhaftig sein in der Liebe, 2. Mündig werden, 3. Erbauung zum Leib Christi, zu einer Gemeinde von vollendeten Menschen.
1.) Erstes Stichwort: Wahrhaftig sein in der Liebe –
Mit der Frage, wie eine Kirche aussehen soll, verbindet sich automatisch die Frage, was denn einen Christen zum Christen, zu einem lebendigen Mitglied dieser Kirche macht. Und auch da gibt es Unterschiede in den Auffassungen. Wahrhaftig sein in der Liebe, erwartet der Briefschreiber. Kann man denn in der Liebe unwahrhaftig sein?
Das Wort „Liebe“ wird heute in den Kirchen häufig benutzt. „Liebe“ ist heutzutage aber auch eines der am meisten missbrauchten Wörter. Der sprachliche Missbrauch reicht vom banalen deutschen Schlager bis zur Pornographie. Sogar militärische Operationen werden mit „Liebe“ gerechtfertigt – als rettende Nächstenliebe. Kann man das noch „wahrhaftig in der Liebe“ nennen?
Wie ist es im privaten Bereich? Vielleicht so: es sieht aus wie Liebe, ist aber eigentlich ein Geschäft. Jemand tut einem anderen Gutes, aber er erwartet auch eine Gegenleistung. Sogar die Liebe selbst wird als Gegenleistung erwartet oder erhofft. Die Tochter bringt den Mülleimer raus, Mutter staunt: „Das tust du doch sonst nie.“ Und die Tochter sagt: „Das tue ich damit du mich liebhast.“ Die Tochter will sich Liebe verdienen. Und Ihr hier habt jetzt hoffentlich alle das Gefühle: So geht das aber nicht! Liebe ist kein Geschäft!
Und es sage keiner, in den Kirchen gäbe es das nicht. Da wird genauso berechnet und geschachert – fast noch mehr als in weltlichen Institutionen – am liebsten um Einfluss und Macht.
Sogar mit Gott möchte man Geschäfte machen: „Lieber, Gott, wenn ich jetzt alle deine Gebote halte, die Bibel lese, Gebetsversammlungen besuche und ordentlich spende, dann hast du mich bestimmt liebe und ich bekomme einen Fensterplatz im Himmel.“ Liebe – ein Geschäft mit Gott? (Fragezeichen!)
Wie geht das – dieses „wahrhaftig sein in der Liebe“? Berechnende Liebe ist jedenfalls nicht wahrhaftig.
2.) Zweites Stichwort: nicht mehr unmündig sein.
Seit einigen Wochen lese ich die Biographie der Christa von Viebahn. Sie war die Begründerin der Aidlinger Schwesternschaft. Und ich entdeckte, dass sie in jungen Jahren – durch den Einfluss ihres Vaters General Georg von Viebahn – die gleiche Freikirche besuchte wie ich. Ich habe soeben davon erzählt: die Versammlung der Darbysten. In ihren Glaubensansichten war sie deutlich davon geprägt. Und dann hat sie sich als junge Frau trotzdem davon getrennt. Ihre Begründung: die Tätigkeit der Frauen in der Gemeinde wurde nicht in der Weise wertgeschätzt, wie sie es verdienten. Frauen galten in der Gemeinschaft nicht mündig. Sie wurden nicht gewürdigt, Verantwortung zu übernehmen. Christa von Viebahn, die Generalstochter, wurde zwar nicht selber Generalin, aber – als Gründerin und Leiterin der Schwesternschaft Aidlingen – ihre erste Oberin.
In unserer Zeit finden die Frauen noch immer nicht die Anerkennung, die sie verdienen. Aber es hat sich vieles gebessert: es gibt sogar Bischöfinnen. Und es wird immer öfter anerkannt, dass die praktische Gemeindearbeit eher von Frauen getragen wird als von Männern.
Wie sieht es überhaupt mit der Mündigkeit in unseren Kirchen aus?
Ich habe oft den Eindruck, dass viele Kirchenchristen gar nicht mündig sein wollen. Lieber wollen sie „sein wie die Kinder“ – womit sie auf ein Jesus-Wort anspielen, das sie aber völlig missverstanden haben. Sie wollen wie kleine unmündige Kinder sein, die der Mutter an der Schürze oder dem Vater am Jackenzipfel hängen. Immer sind sie darauf aus, die helfende Hand zu spüren, immer brauchen sie einen Problemhelfer oder sogar die himmlische Feuerwehr. Das ist in scheinbar aussichtslosen, notvollen Lebens­situatio­nen bestimmt auch richtig, sich an den himmlischen Vater zu wenden. Aber der schüttelt bestimmt auch oft einmal den Kopf: „Können die mit ihrem Problem denn nicht alleine zurechtkommen? Ich habe sie doch mit Talenten und Fähigkeiten ausgestattet.“
Mütter und Väter haben ihre Freude daran, wenn die Kinder die Möglichkeiten nutzen, die sie von den Eltern geboten bekommen – in der Musik, im Sport, überhaupt in der Bildung... – wenn ihre Kinder unabhängig und erwachsen werden – frei und mündig. Natürlich bleiben sie Kinder ihrer Eltern, aber eben erwachsene Kinder.
Von Dietrich Bonhoeffer habe ich einmal das Wort vom „mündigen Christen“ aufgenommen. Ja sicher, wir sind alle Kinder Gottes – die einen wissen das, die anderen nicht. Und auch für die Kinder Gottes gilt, dass sie sich mit dem, was sie von Gott als Talent und Gabe mitbekommen haben, entwickeln zu dann erwachsenen Kindern Gottes Endlich frei und mündig und fähig, Verantwortung zu übernehmen.
Gibt es diese Art von mündigen Christen in unserer Gemeinde? Leider manchmal eher im Verborgenen – oder aus falsch verstandener Demut zu schüchtern. Wir brauchen doch Christen mit eigenen Vorstelllungen davon, was zu tun ist. Mündige Christen!
3.) das dritte Stichwort: ein vollendeter Mensch werden.
Es war einmal ein Christ, der war wirklich vollkommen. Nichts, aber auch gar nichts war an ihm auszusetzen. Er achtete peinlich genau auf seine Lebensführung. Dummheiten gab es bei ihm nicht; denn alles, was er tat, war genauestens und aufs sorgfältigste überlegt. Er verplemperte nie seine Zeit mit Oberflächlichkeiten, und alle seine Unternehmungen waren sinnvoll oder in irgendeiner Weise nützlich. Er fragte auch immer nach Gottes Willen, las an jedem Tag ein Stück aus der Bibel und konnte alles, was er zu verantworten hatte, mit einem Spruch aus der Heiligen Schrift belegen. Er trank nicht, er rauchte nicht, sondern er lebte gesund und vernünftig. Er jammerte nie, sondern gab sich immer fröhlich und ausgeglichen. Er war auch nicht karrieresüchtig, sondern er konnte sich einordnen. Und selbstverständlich schikanierte er auch niemanden und bemühte sich redlich, keinem anderen Menschen wehzutun. Aber merkwürdig: so sehr er sich auch anstrengte, ein solch anständiges Leben zu führen – niemand wollte gern länger etwas mit ihm zu tun haben. Die Leute hatten das Gefühl: dieser Christ ist glatt und kalt. Man konnte ihm nie etwas anhaben. Und wer es einmal versuchte, an seinem Auftreten und Handeln zu kratzen, musste bald wieder aufgeben. Es war einfach nichts zu machen. Es gab keine Ecken, keine Kanten. Und genau darüber ärgerten sich die Leute. Wenn er ihnen doch irgendetwas geboten hätte, was sie ihm hätten verzeihen können – eine Schwäche, eine Dummheit ... Wenn es doch irgendetwas gegeben hätte, worüber sie hätten lachen können oder einmal nach Herzenslust bei einer Tasse Kaffee klatschen und tratschen. Aber diesen Gefallen tat ihnen der besagte Christ nicht. Er war einfach perfekt. Und deshalb konnten sie ihn nicht lieben. Schwächen, Fehler, Dummheiten – die machen einen Menschen menschlich. Aber wer liebt schon ein perfektes Denkmal?
Vollkommenheit, Perfektion – darin besteht das Problem! Aber: „Nobody is perfect“ (= kein Mensch ist perfekt). Und für die Kirchen gilt das ebenso: da versammeln sich Menschen, und es bestimmen Menschen. Keine Kirche ist perfekt! ---
Fazit nach den drei Stichworten: der Epheserbrief ist von Idealen geprägt, die keiner wirklich erreichen kann. Eine Kirche mit perfekten Menschen? Fehlanzeige! Eine Kirche mit mündigen Menschen? Umstritten! Eine Kirche, die von wahrhaftiger Liebe erfüllt ist? Sehr fraglich!
Was jetzt?
Diese drei Stichworte –  ich hatte sie mir in umgekehrter Reihenfolge vorgenommen. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Denn in der richtigen Reihenfolge sieht das auf einmal ganz anders aus. Also: Perspektivwechsel! Und dann einmal aus der anderen Richtung hingesehen.
Erstens: Stichwort „vollkommen“.
Und was sehe ich: Es ist als erstes gar nicht die Rede davon, was die Menschen tun und wie sie sein sollen – bzw. was die Kirchen tun sollen. Sondern es steht da, was Gott getan hat, nämlich durch Jesus Christus. Am Anfang steht Jesus und seine Erlösungstat. Kurz gesagt: Jesus ist gekommen, die Sünder selig zu machen. Durch seine Hingabe am Kreuz hat Jesus ihnen – dir und mir, uns – die Menschenwürde wiederentdeckt. Nämlich die Menschenwürde, die darin besteht wirklich ein geliebtes Kind Gottes zu sein.
Und dadurch wird etwas bewirkt – in Gang gesetzt. Und siehe da: Es ist nicht von einer Kirche die Rede, wie sie jetzt gerade ist, sondern davon, was sie sein wird – und mit ihr die Menschen, die sich in ihr versammeln. Der Schreiber ist nicht rückwärtsgewandt an einer Urkirche interessiert. Er meint eine Kirche im Werden. Eine Kirche im Wachstum. Da ist noch längst nicht alles so, wie es sein soll und sein wird. Aber das, was gerade ist – die Kirche, wie sie gerade ist, die Menschen, wie sie gerade sind – hat eine Zukunft. Da ist noch viel „Luft nach oben“. Aber Du und ich – wir werden aus Gottes Perspektive gesehen. Menschen mit dem Potenzial, in Zukunft ganz und gar den vollendeten Menschen zu repräsentieren, nämlich Jesus selbst. In der Bibel heißt das: „der Leib Christi sein.“ Die aktuelle Situation von Kirche und Kirchenleuten ist noch lange nicht so weit. Aber die Botschaft hier heißt: Gott gibt euch und diese Kirche nicht auf! Da kommt noch etwas. Und daran arbeiten all die Heiligen, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Gott hat ein Ziel mit dir und mir und mit diesen Kirchen. Dazu rüstet er dich mit dem Heiligen Geist aus. Verlass dich drauf!
Damit ist eigentlich auch alles zum zweiten Problem gesagt: Mündigkeit.

Sicher: mit diesen unvollkommenen Mitarbeitern sieht die Ist-Situation nicht unbedingt vertrauenerweckend aus. Auch wenn es immer wieder Stars und religiöse Promis gibt, die für das Ansehen der Kirche ein bisschen weltlichen Glanz ausstrahlen. Die unbekannten Heiligen sind nicht weniger wichtig – eigentlich noch wichtiger. Und es gibt sie! Manchmal wundert man sich wirklich, welche Persönlichkeiten diesen Karren eigentlich weiterbewegen sollen. Aber das war schon zu biblischen Zeiten so. Was für seltsame Leute hat Gott da in seinen Dienst gerufen! Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade! Das ist die Zusage dieses Briefes. Gott beruft, wen er will. Und er beruft nicht immer die Fähigen – aber er befähigt die Berufenen. Er rüstet sie mit dem Heiligen Geist aus.
Und damit das dritte – das erste Problem: die Sache mit der „wahrhaftigen Liebe“.
Ja, das ist – ihr wisst es längst – Stückwerk. Und es gibt doch: die perfekte Liebe. Die Kirchen sind der Ort, an dem man sich zusprechen lassen kann: die wahrhaftige Liebe ist dir zugute in Jesus Christus erschienen. Am Kreuz! Sieh auf ihn! Vertraue darauf, dass du damit längst für die Zukunft ausgestattet bist – du und deine Mitchristen.
Ich weiß jetzt: Gott liebt mich und braucht mich! Und dich auch!
Gott liebt dich – das heißt: Du bist würdig vor Gott! Und Gott braucht dich – das heißt: Und diese Kirche soll, muss und wird durch dich / durch uns der Ort sein, an dem Menschen sich ihrer Würde bewusst werden können. Von Gott geliebt werden, das befähigt dich dazu, den Mitmenschen zu lieben – oder wenigstens in seinem Wert / in seiner Würde zu achten.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass – bei allen Unzulänglichkeiten – die Kirchen tatsächlich noch die einzigen Orte sind, an denen die Menschenwürde ernstgenommen und hochgeachtet wird. Hier erfahre ich: wer geliebt wird, der kann lieben!
Diese Kirche, die in der Unterschiedlichkeit der Kirchen wirkt, ist in Entwicklung, im Wachstum. Sie, wird entfaltet zu dem einen Leib Christi. In ihm sind wir eins. „Von Jesus Christus aus gestaltet der ganze Leib sein Wachstum, sodass er sich selbst aufbaut in der Liebe.“
Dies bewirkt der Heilige Geist!
Und der Friede Gottes, der immer all unsere Fähigkeiten weit übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in unserem Herrn und Bruder Jesus Christus.
Amen.



13. Sonntag nach Trinitatis, zu Markus 3. 31 - 35, Spätgottesdienst, Kirche St. Geog, Dettingen / Teck

Markus 3, 31 – 35

(31) Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

(32) Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. (33) Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

(34) Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! (35) Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Ich möchte euch heute den Predigttext nicht vorlesen. Es sind nur wenige Verse aus dem Mk-Evangelium Kap. 3 (31 – 35). Die könnt ihr zuhause einmal nachlesen. Aber ich möchte sie euch erzählen. Dazu stelle ich mir vor, dass der Evangelist Markus etwa 40 Jahre nach Kreuz und Auferweckung einige Zeitzeugen befragt hat, was sie mit Jesus erlebt haben. Unter anderem auch mich. Also habe ich dem Markus alles in einem Brief geschrieben. Darin habe ich ihm diese kleine Episode erzählt, die er dann in seinem Evangelium verarbeitet hat.

Hochgeehrter Herr, lieber Bruder Markus.

Gnade sei mit dir und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Gerne komme ich Deinem Wunsch entgegen. Ich berichte also eine kleine Episode, die ich damals mit Jesus erlebt habe. Vielleicht ist es nicht viel. Aber sie hat mich für mein Leben geprägt. Ich bin ja nicht einfach ein Fan geworden. Fans rufen heute „Hosianna“ und morgen „Kreuzige ihn“. Aber ich glaube an diesen Jesus. Er gehört zu meinem Leben. Immer wieder frage ich mich in meinen Entscheidungen: „Was würde Jesus dazu sagen.“

Wie bin ich damals eigentlich in dieses Haus gekommen? Jesus hatte mich neugierig gemacht. Das gebe ich zu. Es hatte ein paar Wunderheilungen gegeben. Das mag andere aufmerksam gemacht haben. Ich war da eher skeptisch – das bin ich übrigens heute immer noch. Wunderheiler und Scharlatane habe ich zu häufig erlebt. Am Ende waren es meistens ein  paar Taschenspielertricks. Bei Jesus war das allerdings anders. Ich denke, er hatte tatsächlich irgendwo eine gute Bildung genossen und kannte sich in medizinischen Angelegenheiten bestens aus.

Aber was Jesus gesagt hat, als er die Leute ansprach, das war viel wichtiger für mich. Seine Worte waren wie Widerhaken in meinem Herzen: „Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben, auch die Lästerungen, wieviel sie auch lästern mögen.“ (Mk 3,28). Das hatte ich noch nie gehört! Und dann sah ich, wie er sich mit all den „Sündern“ zusammensetzte. Sünder – das sind ja die Gott-Fernen. Diejenigen, die sich nicht konsequent an das Gesetz halten, das wir von Moses bekommen haben. Viele Ungebildete dabei, einfache Menschen, Fischer, Bauern, Kleinhändler, die ganz andere Sorgen hatten, als sich um ihre Religion zu kümmern. Auch Kranke und Aussätzige waren dabei. Und dann sogar Zöllner und viel Gesindel und Verbrecher.

Jesus übersah einfach alles, was immer ihre Sünden gewesen sein mochten. Als ob er sagen wollte: „Deine Vergangenheit ist mir nicht wichtig. Aber ob Gott mir dir Zukunft bauen kann, das ist mir wichtig.“ So haben ihn jedenfalls viele verstanden.

Vor der Tür sah ich seine Familie, seine Mutter, seine vier Brüder und seine Schwestern. Es sah so aus, als wollten sie ihn bremsen. Ich hörte, wie sie sich zuriefen: „Er ist von Sinnen.“ (3, 20.21). Und ich bekam mit, wie ihn die Moralprediger, die Pharisäer und andere Schriftgelehrte als „besessen“ bezeichneten (V. 30). Die hatten sich alle vor diesem Haus versammelt, in das Jesus eintrat. Ich weiß leider den Namen des Gastgebers nicht mehr. Aber kurz bevor Jesus in das Haus ging, traf mich sein Blick – mitten durch die Menschenmenge hindurch. Ich sah die kleine Geste mit der Hand, einen Wink, der mich einlud, mit hineinzugehen. Und ich folgte ihm.

Es wurde eine denkwürdige Feier. In jeder Beziehung. Jesus war ein großartiger Gast und Gesprächspartner. Er hörte zu und gab Rat. Er tröstete und machte Mut. Außerdem gab es zu essen und zu trinken. Und das nicht zu knapp. Die Moralprediger draußen hatten Jesus mehrmals einen „Fresser und Weinsäufer“ genannt. Und wie ich ihn da zu Tisch liegen sah, wie er Wein und Brot und Fleisch genoss – und mit dem deutlichen Ansatz eines Bäuchleins – da dachte ich: „Sie haben ja auch irgendwie Recht!“ An diese unglaublichen Gastmahle muss ich immer denken, wenn wir sie zur Erinnerung an ihn und sein letztes Mahl in unserer Gemeinde feiern. Die Jünger haben uns ja davon erzählt.

Und er hatte dieses unglaublich ansteckende, befreiende Lachen! Vor allem, wenn er seine Geschichten erzählte. Es waren verblüffende, überraschende Geschichten über das Reich Gottes, die sehr oft in überschwänglicher Freude endeten. Wir Hörer konnten uns darin wiederfinden. Er erzählte z.B., wie ein Hirte sich darüber freute, ein verlorenes Schaf wiedergefunden zu haben. Oder wie ein Vater nach langen Jahren des Wartens endlich seinen Sohn, den er schon verloren geglaubt hatte, wieder in die Arme schließen konnte. Und ich dachte: „Er meint mich! Ich bin doch auch solch ein verlorenes Schaf!“ Mit einem Seitenblick nahm ich wahr, dass ich hier umgeben war von lauter verlorenen Schafen und Söhnen. Oder meinte er vielleicht sogar sich selbst: Er selbst – ein verlorener Sohn?

Die Frage kam mir, als ihn eine Kurzbotschaft erreichte. Sie kam von seinen Geschwistern: „Wir warten draußen!“ Wo war eigentlich sein Vater? Ich habe nur die Mutter, die vier Brüder und die Schwestern gesehen. „Jesus Sohn Josefs“ nannten ihn viele. Und wo war Josef? Die hatten wohl nicht das beste Verhältnis miteinander. Vielleicht hat er sich immer gewünscht, einen guten Vater zu haben, der ihn so in seine Arme schließt wie der Vater in seiner Geschichte.

Und nun standen die Mutter Maria und die Geschwister draußen. Sie wollten mit ihm sprechen. Wahrscheinlich wollten sie ihn „bearbeiten“, wieder „vernünftig“ zu werden. Jesus reagierte jedenfalls ausgesprochen sauer. Eigentlich sogar frech und unverschämt. Er deutete nämlich auf die Gesellschaft um sich herum und sagte: „Wie – meine Familie wartet draußen?! Meine Familie ist hier! Die Menschen hier sind für mich Mutter, Schwestern und Brüder!“

Was war das für eine harsche Abfuhr! So hatte ich Jesus noch nicht kennen gelernt. Aber ich kannte ihn ja auch noch nicht lange. Heute weiß ich, dass Jesus immer wieder in die Konfrontation gegangen ist. Immer wieder hat er geschockt und provoziert. Und er hat sich viele Gegner dabei gemacht. Na ja, ohne Grund hat man ihn ja wohl nicht verfolgt und dann aufs Kreuz gelegt. Für alle Leute in unserem Volk war die Familie aber immer schon einer der höchsten Werte. Die Familie war und ist die Keimzelle für eine funktionierende Gesellschaft. Hier kann man lernen, wie das Leben selbst funktioniert: mit gegenseitiger Unterstützung, mit Achtung voreinander, v.a. gegenüber den Kleinen und den Alten. Man lernt gewinnen und verlieren. Man lernt, wie man Konflikte lösen kann – oder aushalten, und zwar ohne Gewalt. Und vieles mehr, was dem Leben dient. „Auf dass es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden.“ – heißt es im 4. Gebot. Kurz: man lernt zuerst in der Familie, was Liebe ist! Und ich dachte: „Was erlaubt sich dieser Jesus gegenüber seiner Familie – gegenüber seiner Mama! Der hat doch wohl nicht mehr alle Streusel auf dem Kuchen!“

Ich glaube heute, Jesus war ein Wahrheitsfanatiker, wenn es um Fragen des Glaubens und des Lebens ging. Er hat niemandem geschmeichelt. Er hat sich nirgendwo eingeschleimt. Und wenn ich heute fromme Botschaften höre, die mich immer nur besänftigen und in meiner Meinung bestärken wollen, die mich kaum einmal infrage stellen, dann muss ich an Jesus denken. Und ich sage mir: „So seicht und banal hätte Jesus nicht gesprochen.“ Aber damals bei diesem Gastmahl war ich jedenfalls ziemlich schockiert über seine Antwort.

So ist das damals abgelaufen. Ein paar von meinen Gedanken habe ich jetzt schon mit einfließen lassen.

Ich möchte Dir, lieber Bruder Markus, aber auch noch schreiben, wie ich heute über diese kleine Episode denke.

1.) Man kann sich ja auf den Standpunkt stellen, dass ein Nachfolger Jesu alle Bindungen zu seiner Familie aufgeben muss, wenn er sich für den Dienst an seiner Seite entscheidet. Das haben tatsächlich einige so getan. Sie haben alle Bindungen gekappt und sind in die Wüste gezogen, z.B. um dort eine mystische Vereinigung mit dem Auferstandenen zu erfahren. Für andere ist oft die Familie einfach nur den frommen Zielen untergeordnet – und der Dienst in der Gemeinde hat absoluten Vorrang. Leider werden dabei oft die Ehepartner und die Kinder vernachlässigt. Manchmal mit erheblichem Schaden für alle. Ein mir bekannter Arzt nannte das „ekklesiogene Neurosen“. Das hat Jesus bestimmt nicht so im Sinn gehabt! Ihm war es zuletzt ja auch nicht egal, was aus seiner Mutter wurde. Er hat sie noch am Kreuz seinem Lieblingsjünger Johannes zur Pflege anvertraut. Jesus hat also gewusst, wie wichtig die Familie ist. Und einer seiner Brüder, nämlich Jakobus, wurde später zu einem hoch-angesehenen Verkünder des Evangeliums.

Bedenke bitte: Jesus war damals schon deutlich über 30 Jahre alt. Er hatte eine Ausbildung als Handwerker genossen, und er hatte eine lange Bewährungszeit in der Wüste hinter sich gebracht. Der Mann war kein kleines Kind mehr! Er war ein mündiger Erwachsener. Und er hat bestimmt ebenfalls gehört, dass seine Familie draußen gerade noch über ihn gesagt hat: „Der spinnt doch!“ Irgendwie kann ich verstehen, dass er sauer reagiert hat.

Also: niemand soll sich aufgrund dieser Begebenheit von seiner Familie trennen – weder räumlich noch mental oder moralisch. Jesus tastet den Wert der Familie nicht an! Im Gegenteil: er nimmt das Bild der Familie sogar, um sein Verhältnis zu seinen Hörern und Nachfolgern zu beschreiben: „Die hier sind meine Familie!“

2.) Wenn ich einmal diese verbale Abfuhr für seine „Mischpoke“ außer Acht lasse, dann hat Jesus doch mit dem, was er tat und sagte, erst recht seine Achtung vor den Menschen und seine Zuwendung gezeigt: „Was ihr getan habe einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan …!“ (Mtth. 25, 31ff) Damit hatte er den Maßstab gesetzt. Und der sollte bis heute immer noch für unsere Gemeinden gelten. Es ist eigentlich genau das, was schon unsere Propheten von unserem Volk erwartet und entsprechend eingeklagt haben. Es geht um den gerechten Umgang miteinander. Und vor allem mit den Schwächsten in der Gemeinschaft. Das gute Recht im Miteinander, Achtung vor dem Leben, Menschenwürde – besonders die Würde der Fremden… Das alles und noch mehr ist das, was Jesus von seinen Leuten erwartet. Deshalb hat Jesus bestimmt auch dies gemeint, nämlich, dass „wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

3.) Wie immer sich Jesus seiner leiblichen Familie gegenüber verhalten hat, und was immer er von seinen Jüngern erwartet oder gar gefordert hat – für mich ist diese Geschichte wichtig, ja lebenswichtig geworden, weil ich erkannt habe, dass es hier um MICH geht!

Ich habe damals erkannt, dass ich selbst einer von den sog. Sündern bin. Ein Gott-Ferner. Habe ich mich immer an das Gesetzt gehalten? Eigentlich Ja. Nach bestem Wissen und Gewissen war ich jemand, der sich bemüht hat, das Gute zu tun. „Edel, hilfreich und gut“ – wie es sich gehört. Aber war ich dadurch ein besserer, ein gerechterer Mensch vor Gott? Ich wollte immer noch besser sein. Wie von einer unbekannten Kraft getrieben, kämpfte ich um Ansehen und Respekt. Kampf und Krampf waren mein Leben. Unerbittlich, unersättlich. Hart gegen mich selbst – und oft brutal gegen andere. Durch Jesus erkannte ich: vor Gott bin ich nicht wertvoller als die schon erwähnten einfachen Menschen, Fischer, Bauern, Kleinhändler, Kranke und Aussätzige, Zöllner, Gesindel und Verbrecher.

Und dann kommt Jesus und legt mir – ausgerechnet mir! – die Hand auf die Schulter und sagt: „Du bist mein Bruder! Du bist meine Familie!“ Was Jesus damals zu seiner Familie gesagt hat, ist seitdem für mich nicht mehr von Bedeutung. Aber das, was er MIR damit gesagt hat, das ist zum Inhalt meines Lebens geworden: „Du bist meine Familie! Mit dir kann Gott seine Zukunft bauen – sein Reich. Du bist für ihn wertvoll. Dich braucht er! Dich liebt er! So wie du bist!“ Wertvoll! Würdig! Menschenwürdig! Der Kampf um mein Ansehen ist von Gottes Seite längst entschieden! Gott will mich. Gott hat mich schon immer gewollt – schon seit Grundlegung der Welt.

Und deshalb möchte ich zu denen gehören, die an seiner Seite Gottes Willen tun. Nicht einmal so sehr um Gottes willen, sondern einfach um Jesu willen – weil ich von ihm gelernt habe, dass ich für Gott wertvoll bin. Und dass da noch andere wertvolle Familienangehörige sind – Menschen, die mich brauchen, Menschen, deren Not ich vielleicht lindern oder abwenden kann. Schwestern und Brüder, die ich brauche. 

Lieber Bruder Markus, hoffentlich kommst du damit zurecht. Du kannst meinen Bericht auch kürzen, wie du es für richtig hältst. Und ich danke Dir herzlich, dass Du mir die Gelegenheit geschenkt hast, meine Erinnerungen einmal aufzuschreiben.

Ich grüße Dich in der Liebe Christi. Friede sei mit dir. Amen.


11. Sonntag nach Trinitatis, I. Rh. (= Evangelium), 7. August 2016, Dettingen, Kirche und GZ Guckenrain

Lukas 18, 9 – 14:

 9 Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

ein paar Schlaumeier aus Nord-Friesland wollten einmal ihren Pastor überlisten. Der Pastor war strikt gegen Alkohol eingestellt, aber die Leute wollten auf ihren Rum nicht verzichten. Wenn der Pastor zu Besuch kam, gab es meistens Kaffee. Der Kaffee seiner frommen Schäfchen war dann allerdings von besonderer Qualität: mit Rum „verdünnt“ und – gegen den verräterischen Geruch – mit einer Sahnehaube versehen. Der Pastor staunte nicht schlecht, dass seine Leute so seltsam fröhlich wurden. Als er ihnen endlich auf die Schliche kam, schimpfte er tüchtig: „Oh, ihr Pharisäer!“ – Seitdem nennt man diese Art Kaffee „Pharisäer“ – mit Rum und Sahne.

Wer einmal an der norddeutschen Küste war, kennt die Geschichte schon.

Die Pharisäer kommen in den Geschichten der Bibel (NT) schlecht weg. Sie gelten als Heuchler. Deshalb nennt ja auch der friesische Pastor seine Leute so, weil sie Heuchler für ihn waren. Jesus hat die Pharisäer oft hart provoziert, sogar regelrecht beschimpft. Vielleicht sind sie seine Hauptgegner gewesen. Vielleicht waren sie aber auch seine engsten Geistesverwandten. Es ist doch oft so, dass du gerade mit denen, die sich nur minimal von dir unterscheiden, die heftigsten Auseinandersetzungen hast. Der Apostel Paulus z.B. – der bedeutendste Missionar für Christus – entstammt der Pharisäer-Bewegung. Aber im Johannes-Evangelium werden sie „Söhne des Teufels genannt. Und im Matthäus-Evangelium heißt es: „Sie binden schwere Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen sie nicht mit einem Finger anrühren.“ – Das sind harte Worte, und sie zeigen: es geht ja doch um eine ernste Sache, nicht bloß um ein bisschen Schlitzohrigkeit, für die man als Außenstehender noch Sympathie empfinden kann. Und wenn Jesus seinen Zuhörern (und heute euch und mir!) diese beiden Typen vor Augen führt – den Pharisäer und den Zöllner – dann stellt er ihnen und uns damit die Frage: „Und was für ein Typ bist Du? Auf welcher Seite stehst du?“

Für die Zuhörer von damals war die Entscheidung nicht schwer, jedenfalls nicht als Jesus die ersten Sätze sprach. Sie kannten ja auch den Schluss der Geschichte noch nicht – die Pointe. Für die Mehrheit der Leute damals war die Sache klar: Niemals ein Zöllner sein! – Die Zöllner, das waren in ihren Augen die Heuchler. Sie zählten sich zum jüdischen Volk. Aber sie waren für viele die Betrüger und vor allem die Volksverräter, die mit der Besatzungsmacht (Rom) zusammenarbeiteten. Die Leute damals dachten über die Zöllner noch viel schlimmer, als wir heute über die Pharisäer denken. Zöllner wollten die Zuhörer von damals jedenfalls nicht sein. Auf keinen Fall!

Und Pharisäer? Das schon eher. Aber das war nicht jedermanns Sache. Pharisäer werden – das wäre heute tatsächlich ungefähr so, als würde man wie Mutter Theresa nach Kalkutta in die Slums ziehen oder wie Albert Schweitzer nach Lambarene oder wenigstens aktiv bei Greenpeace auf dem Schlauchboot mitwirken, wenn sie Giftfrachter stoppen wollen oder bei Amnesty International. Das wird ja alles hochgelobt und angesehen – als große humanitäre Aktionen. Aber es ist eben nicht jedermanns Sache. Und genau in diesem Sinn waren die Pharisäer zu ihrer Zeit hochangesehene Leute, gerade wegen ihrer Ehrlichkeit und gerade wegen ihrer hohen Moral. Z.T. waren sie sogar wie besessen und fanatisch. Und einige Volksgenossen haben ihnen sogar klammheimlich gewünscht, sie würden irgendwann so richtig über ihre eigene Moral stolpern und gegen die Wand laufen. Jedenfalls waren sie die Partei der Schriftgläubigen und Bibeltreuen. Sie waren die „Peruschim“, die Abgesonderten, die Besonderen, schon fast Volksheilige. Und Jesus nannte sie „Scheinheilige“. Damit provozierte er nicht nur die hochverehrten Pharisäer selbst, sondern auch die große Masse ihrer Verehrer. So, mein lieber Jesus, macht man sich Feinde!

Also – wenn sie schon die Wahl hatten, dann wollten die Zuhörer lieber Pharisäer sein. Denn diese Menschen verkörperten schließlich das hohe Ideal eines Edel-Menschen – „hilfreich und gut“, wie Goethe gesagt hat. Und alle haben mit dem Kopf genickt, als Jesus die Szene erzählte: im Vordergrund steht der schlichte, ehrbare, etwas hager und konservativ erscheinende fromme Mann, ein Asket, der gewohnt ist zu fasten, und im Hintergrund der eher feiste Kerl mit dem dreisten Benehmen, mit seinem Goldkettchen und den pomadigen Haaren. Vielleicht hat er sein Gebet „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ gar nicht einmal ernst gemeint, sondern einfach daher geplappert, weil man das eben in Gotteshäusern so sagt. „Ja, ja,“ haben die Zuhörer gedacht, „so sind sie – die schmierigen Zöllner!“

Und sie haben noch einmal mit dem Kopf genickt, als Jesus das Gebet des Pharisäer zitierte, und sie dachten (genau wie die Zuhörer von heute): „Eigentlich müssten alle edlen Menschen so sein: aufmerksam für die Not des Mitmenschen, sozial denken, teilen, spenden, Gottes Gebote einhalten, zur Kirche gehen.“ Und selbstverständlich gebührt unser Abscheu den Räubern und Verbrechern, den Ungerechten und Korrupten, den Ehebrechern und den Menschenverächtern.

Die Zuhörer damals, die das Ende der Geschichte noch nicht kannten, hatten ihr Urteil ganz rasch fertig: „Pharisäer – Ja!, Zöllner – Nein!“

Es wäre gar nicht schlecht, wenn jetzt den Zuhörern von heute, die das Ende der Geschichte schon kennen, der Kragen ein bisschen „enge“ würde. Denn Jesus verdreht am Schluss das gängige Vor-Urteil über die beiden Menschentypen – er dreht das Urteil um und behauptet nicht weniger als dies: „Gott nimmt ausgerechnet den Sünder an!“ Gott nimmt ausgerechnet den an, den eure Urteile ausschließen und an den Rand schieben wollen. Den anderen, den abscheulichen Räubern, Verbrechern, Ungerechten, Korrupten, Ehebrechern, Menschenverächtern, Waffenschiebern und Kriegstreibern – denen gilt tatsächlich noch immer Gottes Sympathie. Die hat er noch nicht aufgegeben. Gott hat keine Scheu vor den Abscheulichen! Aber bei den Frommen, bei den edlen Menschen, bei den ehrbaren Bürgern, die sich an Recht und Ordnung, an die Bibel und die Kirche halten – bei denen überlegt es sich Gott noch einmal...

„Das kann doch nicht wahr sein!“ Das hat schon damals den Zuhörern mächtig in den Ohren geklungen. Und es ist heute noch immer „starker Tobak“. Die miesen Typen kriegen Anerkennung und Beachtung vor Gott, und die anständigen geraten an den Pranger.

Welcher Typ möchtest du sein – am Ende der Geschichte?

Oder stimmt die ganze Geschichte vom Ansatz her nicht? Sollte ich Jesus sagen: „Du bist im Unrecht! Du erzählst und die Unwahrheit!“ Oder gebe ich Jesus Recht? Diese Geschichte will dich und mich immer noch provozieren.

Es geht hier überhaupt nicht um die Guten und die Bösen wie im Wildwestfilm. Sehen wir doch noch einmal genau hin, hören wir noch einmal genau hin. Der wichtigste Satz in dieser biblischen Geschichte lautet nämlich: „Ich sage euch!“ Jesus sagt, wo es entlang geht! Es geht darum, dass Jesus die Maßstäbe setzt – und ob du das aushalten kannst, ob du das aushalten willst! Und so geht es um die Frage, ob du Jesus Recht gibst oder nicht, ob du ihm glaubst oder nicht! Es geht wieder einmal darum – und nur darum! – was Jesus sagt. Darum, wie Jesus urteilt.

Ich bin gefangen von dieser Geschichte. „Du willst doch zu den Guten gehören,“ sagt Jesus, und ich stimme zu. „Und böse willst du auf keinen Fall sein!“ Wieder stimme ich zu. Und Jesus fährt fort: „Aber bei Gott wird der als richtig angenommen, der seine böse Seite, seine Schattenseite als Sünder nicht vor ihm versteckt. Du bist nämlich beides: Pharisäer und Zöllner zugleich!“

Du sagst: „Zöllner möchte ich nicht sein.“ Und hinterher sagst du: „Pharisäer möchte ich nicht sein.“ Immer willst du zu den Guten gehören, nie zu den Schlechten. Immer auf der Gewinnerseite – vor allem auf der Gewinnerseite vor Gott. Und immer vergleichst du dich mit den anderen. Es gibt ja immer noch jemand, der schlechter ist als du. Oder weniger gläubig. Und immer schiebst du dabei andere auf die Seite, du urteilst, du demütigst, du verdrängst. Aber auch du hast eine Schattenseite. Es gibt in deinem Charakter Eigenschaften, die du schamhaft vor den anderen versteckst – und vielleicht genauso vor dir selbst, vor deinem eigenen Bewusstsein. Und es ist ganz bestimmt richtig, wenn du diese Dinge unter Kontrolle hältst. Aber das geht nur, wenn du weißt, dass es sie gibt – und dazu stehst, dass es so ist. Gib es endlich zu! Gib endlich zu: auch du bist in deinem Leben auf Vergebung angewiesen.

Gott will mich und dich ganz und gar. Nicht nur die Hälfte! Nicht nur die Schokoladenseite! Wir sollen endlich erkennen, dass Gottes Liebe größer ist als alle unsere Urteile und Vorurteile. Deshalb: du ehrbarer, unbescholtener Mensch! Du bist Pharisäer und Zöllner! Das spielt aber vor Gott keine Rolle, wenn du erkennst, dass du grundsätzlich für ihn recht bist, ein „Gerechter“ im biblischen Sinn; und das heißt: ein Aufrechter! Einer, der vor Gott aufrecht stehen darf und durch sein Leben aufrecht gehen darf. Sein Kind bist du und sein Partner. Er will dich und er liebt dich und er braucht dich, gerade so, wie du bist!

Und speziell denen, die jetzt in ihrem Leben und an sich selbst nur das Hässliche sehen können, möchte ich sagen: Auch wenn du in deinem Leben nur das Schlechte erkennen kannst, nur die Schattenseiten – du bist beides: du bist auch gut – und auch du bist gut. Du bist Gott gut so, wie du bist. Und ER ist allein diese Instanz– allein Gott – der darüber befindet.

Was für ein Typ möchtest du jetzt sein? Du musst kein anderer werden! Aber – wenn du meinst – darfst du auch ein anderer werden. Sei im Vertrauen auf Gottes Gnade einfach, was du bist, mit Dankbarkeit und Freude.

Zum Schluss drei Gedanken als Zusammenfassung. Was könnt ihr heute mit nach Hause nehmen?

1.) Im Umgang mit anderen Menschen sei dir klar: kein Mensch ist schlechter als du! Sieh in deinen Mitmenschen die geliebten Kinder Gottes. Gott liebt die anderen Menschen wie dich.

2.) Du bist nicht schlechter als der Mensch neben dir. Als Kind Gottes darfst du deinen Weg selbstbewusst und aufrecht gehen.

3.) Die Angelegenheit um Sünde und Schuld ist um Christi willen längst erledigt. Das ist in einer anderen Instanz endgültig entschieden. Du bist erlöst, du bist frei. Du musst nicht mehr um Gottes Anerkennung kämpfen. Darum: Erfreue dich mit Lust an deinem Leben. Gott hat es dir geschenkt. Und deinem Nächsten ebenso. Und wenn du Not siehst und jemanden, der Hilfe braucht, dann gehe hin und tue einfach das Not-Wendende, das Notwendige.

Ach ja, noch eines: wenn du mal wieder einen Pharisäer vor dir hast, dann genieße ihn. Du weißt ja: Kaffee mit Rum und Sahne.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



 

„Wir können alles – außer leise!“ – Posaune
Zur Sommerpredigtreihe „Bilder für den Glauben“, Kirchheim / T., August 2015

Sachtext zum Thema „Posaune“, biblische Bezüge

       Das Instrument, das ich hier mitgebracht habe  ist keine Posaune, jedenfalls in dem Sinn keine Posaune, wie Posaunen heute als Orchester-Instrumente definiert sind. Mein Blasinstrument ist - nein, auch keine Trompete, sondern ein Flügelhorn; allerdings ein schmal gebautes Flügelhorn, so dass es fast wie eine Trompete aussieht.

       Ich möchte heute keinen Kursus in Instrumentenkunde abhalten. Trotzdem werden ein paar Informationen über das Instrument, das in den meisten deutschsprachigen Übersetzungen der Bibel „Posaune“ genannt wird, nützlich sein. Denn es geht ja um die Bedeutung und um die Deutung des Instruments: Was bedeutet es und was geht in den Köpfen der Menschen vor, wenn die Posaunen erklingen oder wenn zum Blasen der Posaunen aufgerufen wird? Das geschieht in der Bibel etwa 95 Mal und ca. 45 Mal zusätzlich noch mit Trompeten – in so vielen Bibelstellen sind die Instrumente erwähnt. Dabei scheint es mir so, dass die Trompeten eher erwähnt werden, wenn es um fröhliche Fest und Tanz ging. (Manche strenge Christen mögen es gar nicht glauben, dass in der Bibel tatsächlich zur Ehre Gottes getanzt wird!)

       In der Bibel werden zwei Blasinstrumente genannt, die mit „Posaune“ oder „Trompete“ übersetzt werden: der „Schofar“ und die „Chazozra“.

       Der Schofar ist ein echtes Horn, nämlich von einem Widder. Er erinnert an die geplante Opferung des Isaak durch Abraham für Gott. An Isaaks Stelle wurde dann ja ein Widder geopfert (1. Buch Mose 22). Der Schofar wurde zur Krönung eines Königs geblasen, und entsprechend zur feierlichen Anerkennung Gottes als König, Beschützer und Richter.

       Der Schofar im Tempel von Jerusalem wurde bei vielen Anlässen zusammen mit der trompetenähnlichen Chazozra geblasen. Die habe ich schon erwähnt. Sie bestand aus Metall.4 Mos 10, 1 – 10: (1) Und der HERR redete mit Mose und sprach: (2) Mache dir zwei Trompeten von getriebenem Silber und gebrauche sie, um die Gemeinde zusammenzurufen und wenn das Heer aufbrechen soll. (3) Wenn man mit beiden bläst, soll sich bei dir versammeln die ganze Gemeinde vor der Tür der Stiftshütte. … (9) Wenn ihr in den Krieg zieht in eurem Lande gegen eure Feinde, die euch bedrängen, so sollt ihr laut trompeten mit den Trompeten, dass euer gedacht werde vor dem HERRN, eurem Gott, und ihr errettet werdet vor euren Feinden. (10) Desgleichen, wenn ihr fröhlich seid an euren Festen und an euren Neumonden, sollt ihr mit den Trompeten blasen bei euren Brandopfern und Dankopfern, damit euer Gott an euch denke. Ich bin der HERR, euer Gott.“ - Die Posaunen von Jericho waren wahrscheinlich Langtrompeten aus Metall. Die funktionelle Unterscheidung zwischen der Chazozra und dem Naturhorn Schofar geht aber aus den biblischen Texten nicht klar hervor.

       Auch bei der Einweihung des salomonischen Tempels wirkten unter anderen „120 Priester (mit), die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete (…), als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN.“ (2 Chr 5,12–13 LUT)

       In nachbiblischer Zeit gewann der Schofar an Bedeutung, da andere Musikinstrumente aus Trauer über die Zerstörung des Tempels aus der Liturgie verbannt wurden.

       Ich selbst spiele in einem Posaunenchor. Posaunenchöre gibt es noch gar nicht so lange. Erst seit dem Ende des 19. Jh.s, eng verbunden mit dem Namen des Pfarrers Johannes Kuhlo. „Gott loben, das ist unser Amt!“ Unter diesem Motto begegnen sie uns vor allem in vielen evangelischen Kirchen und freikirchlichen Gemeinden.

       Was symbolisieren die Posaunen? Welche Botschaft geben sie weiter?  

Predigt: "Wir können alles – außer leise“, Posaune

     Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

     „Wir können alles außer leise!“ „Lassen Sie sich noch ein griffiges Motto für Ihren Gottesdienst einfallen“, hatte mit Pfarrer J.M. sinngemäß gesagt. Und das ist dabei heraus gekommen. „Wir können alles außer leise!“ Das Motto hätte auch heißen können: „Wir dürfen alles außer leise!“ Das soll heißen: Posaunen und Posaunenchor-Spieler dürfen eigentlich nicht leise sein. Sie müssen laut sein. Denn sie haben eine Botschaft. „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen!“ (1. Tim. 1, 15). Diese Botschaft muss ihre Adressaten erreichen. Und daran wirken Posaunenbläser mit.

Heute geht es also um die Posaune als Bild bzw. als Symbol des Glaubens, ein Bild, das man hören kann, ein Klangbild. Was hat die Posaune zu sagen, wenn man sie sieht und hört? Ich erzähle einmal, was mir dazu eingefallen ist. Es sind drei Stichworte: Macht, Alarm, Freude.

1.) Wenn Posaunen erschallen, dann hat das immer irgendwie mit Macht zu tun. Posaunen klingen vor allem, wenn sie laut gespielt werden, mächtig und Ehrfurcht heischend. Posaunen klingen immer mächtig! Und Posaunenchöre auch. Sogar wenn sie falsch spielen. Dann spielen sie mächtig falsch!

Posaunen und Trompeten verkündeten in biblischen Zeiten königliche Autorität! Das ist heutzutage kaum anders. Bei Staatsbesuchen werden die Gäste, die Oberhäupter, mit den Klängen eines Musikkorps begrüßt – mit vielen Blechinstrumenten. - Im Zusammenhang des Glaubens ist es selbstverständlich, dass Gott selbst als der einzig große König und Machthaber verehrt wird, und das auch musikalisch. Unter dem Schall der Posaunen erweist Gott seine Macht – und die Mauern von Jericho fallen zusammen. Also erklingen in Israel der Schofar und die Chazozra. Und das Volk sonnt sich im Glanz der Macht ihres Gottes.

Und plötzlich haben wir ein grundlegendes Problem. Weshalb bekennen sich denn Gläubige zu Gott? Weshalb bekennt Ihr Euch zu Gott? Sich zu Gott bekennen, heißt doch nicht nur zu sagen: „Ich bin davon überzeugt, dass es einen Gott gibt!“ Ich bekenne mich doch zu Gott, weil ich sagen will: „Dieser Gott ist der Erschaffer und Beherrscher der Welt. Seine Machtfülle überragt alles, was es sonst an Macht gibt. Und ich gehöre zu ihm!“ Und insgeheim klingt dabei leicht mit: „Und ich habe Anteil an dieser Macht. Und damit bin ich selbst mächtig, mächtiger als alle anderen – zumindest mächtiger als Ungläubige.“ Habe ich denn Anteil an Gottes Macht? Das ist das Problem!

Ich finde solche Gedanken oft bei heutigen Zeitgenossen. Kinder suchen gerne Anlehnung bei den Starken, bei den Mächtigen. Da kann ich das auch gut verstehen. Aber Erwachsene, mündige Menschen tun das ebenfalls. Und dann drehen sie auch noch ihre Glaubensaussage um und sagen nicht mehr: „Wo Gott ist, da ist die Macht!“ sondern sie sagen: „Wo Macht ist, da ist Gott!“ – und damit verehren sie die Macht selbst als göttlich. In dem berühmten Gruß aus der Filmserie „Krieg der Sterne“ klingt das an: „Möge die Macht mit dir sein!“ Das ist eine banale, ja primitive Form von Religiosität. Ich finde sie heute in einigen Formen des Islam, leider in den lauten und militanten Formen, in denen Gott ja als machtvoller Herrscher geglaubt wird, dessen Wirken sich gerade in der Durchsetzung von Macht zeigt. Ich entdecke sie wieder in der Einstellung vieler Deutscher Christen in der Nazi-Zeit. Darunter übrigens auch der bekannte Mit-Begründer der Posaunenchor-Bewegung Pfarrer Johannes Kuhlo, der in Adolf Hitler den Gesandten Gottes sah. – Und in unseren Gemeinden entdecke ich sie wieder, wenn sich Menschen an Gottes Macht berauschen und in Gottes Macht ihren religiösen Kick suchen; wenn sie sich an seine Macht anlehnen und sich darin anderen überlegen fühlen.

Auch Israel war von dieser Idee besessen: „Gott hatte uns auserwählt. Deshalb haben wir Teil an seiner Macht – allen anderen Völkern der Welt überlegen.“ Und dann kam alles ganz anders …

2.) Irgendwann hat das machtberauschte alte Israel die Alarmsignale überhört. Und das ist nun eine weitere Aufgabe der Posaunen: Alarmsignale aussenden, um sich gegen Gefahren und Bedrohungen oder gegen Feinde zu rüsten. Propheten treten auf. In Gottes Namen rufen sie: „Ich habe Wächter über euch gesetzt: Achtet auf den Hall der Posaune! Aber sie sprechen: Wir wollen‘s nicht tun!“ (Jer. 6, 17) – und: „Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!“ (Jes. 58, 1)

Dann geschieht die Katastrophe. Israel gerät unter die Räder der Großmächte Assur und Babylon. Auf einmal ist die ganze glanzvolle Macht des David-Reichs zerbrochen. Mit ihm alle Machtfantasien seiner Bewohner. Und mit ihnen alle religiösen Vorstellungen von einem machtvollen Gott. Hat er sein Volk im Stich gelassen? Waren die anderen Götter letztlich doch mächtiger? Hat der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs verloren? „Ich bin da!“ hatte er doch dem Mose gesagt. Aber jetzt war er nicht mehr da. Gott war – einfach weg.

Und alle, die immer noch Gottes Größe und Macht bejubeln, möchte ich warnen: „Vorsicht! Vielleicht seid ihr gerade dabei, einige Alarmsignale zu überhören. Habt Ihr noch nicht gemerkt, dass Gott sich abgewandt hat? Denn wenn Ihr in den religiösen Rausch geratet, meint ihr ja nicht Gott. Ihr meint nur Euch selbst – Euren eigenen Kick.“

Wie viele Menschen klagen oder spotten inzwischen, dass Gott ja nicht hören lässt! Wie ist das hier in Eurer Gemeinde: Habt Ihr schon den Verdacht, dass Gott gar nicht mehr redet? Ist Gott verschwunden?

Israel hat es erlebt, wie das ist. Und Jesus hat das erlebt, wie das ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22). Und immer noch erleben Menschen, wie das ist, wenn man von Gott verlassen ist und den Mächtigen ausgeliefert. Ich denke dabei nicht nur an die Verfolgungen im Einflussbereich des IS-Terrors. Ich denke auch an die Menschen, die in unserem reichen Land am Rand der Existenz überleben müssen – an die geringsten Schwestern und Brüder, besonders aktuell: die Flüchtlinge. Und ich denke an die Kranken, an die Trauernden – überall Menschen, die sich von Menschen und von Gott allein gelassen fühlen.

Das Leid der Menschen und der Welt, Ungerechtigkeit und Krieg, das Böse – das war und ist für die Gegner des Gottesglaubens immer noch das beste Argument. „Ein Gott, der das alles zulässt, kann nicht der liebende Gott sein. Gott gibt es überhaupt nicht!“ Vielleicht übersehen sie dabei, dass Gott selbst sich das alles, was die Menschen sich da antun, auch nicht mehr mit ansehen möchte – und dass er sich von seinen Kindern einfach abgewandt hat. Was soll Gott denn tun? Noch eine Sintflut schicken? Einen Weltenbrand? Einen Super-Gau – und alle bösen Menschen geschlachtet? Wer bliebe denn dann eigentlich noch übrig …?

Die warnenden Alarmsignale werden überhört, im Rausch der eigenen Machtfantasien. Der von den Gläubigen so hochgepriesene allmächtige Gott ist nicht mehr verfügbar! – Wo sind die Alarmsignale der Posaunen geblieben? Wer hört noch auf die Alarmsignale der Posaunen?

Und dann kommt jemand und sagt: Gott ist nicht in der Höhe da oben, sondern hier unten in der Tiefe, wo du selbst hilflos und ohnmächtig bist, an deiner Seite. Einer wie du! Nicht mächtig, sondern ohnmächtig wie du. Gott stellt sich an deine Seite, Gott leidet mit dir. Wo die geringsten Schwestern und Brüder sind – da wo du bist, falls du denn zu den Geringsten zählst – da ist Gott. Nicht der Machthaber da oben ist Orientierungspunkt, sondern der geringe Mensch in seiner unveräußerlichen Würde hier unten auf der Erde – ja hier unten in der Gosse – der ist das Maß aller Dinge. Orientiere dich daran! Orientiere dich an Jesus! - Im Weihnachtsoratorium von J.S. Bach, in der ersten Kantate erklingt die Posaune – diesmal als Trompete. Und sie verkündet: „Großer Herr und starker König, liebster Heiland, o wie wenig achtest du der Erden Pracht! Der die ganze Welt erhält, ihre Pracht und Zier erschaffen, muss in harten Krippen schlafen.“ Der große König gibt sich der Niedrigkeit und Ohnmacht preis. Gott selbst stirbt den Menschen-Tod – am Kreuz, von allen Menschen verlassen. Er stirbt, weil er eine zweite Sintflut und den Untergang der Menschen nicht will. Er stirbt, um damit in den Menschen eine mächtige Flamme zu entfachen: die Flamme der Hingabe, die Flamme der Liebe. Leiden, Leidenschaft, Gottes Passion. Darin ist die Macht Gottes lebendig. Darin weht Gottes Geist. Immer noch, immer wieder. Auch dies wollen die Posaunen sagen!

3.) Die Klänge der Posaunen und Trompeten weisen noch auf einen dritten Zusammenhang. Soeben habe ich J.S. Bach zitiert, jetzt weise ich auf eine Arie von GF Händel hin: „Sie schallt, die Posaun, und die Toten erstehn unverweslich.“ – aus dem Oratorium „Messias“.

Die Posaunen verkünden das Kommen des himmlischen Königs, die Vollendung der Zeiten. Sie bringen die Freude darüber zum Klingen. Paulus beschreibt in 1. Kor. und 1. Thess., wie er sich das vorstellt – natürlich nicht ohne Posaunen. Und dann im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Sehers Johannes blasen sieben Engel Posaunen, um damit anzuzeigen, in welcher Weise sich die neue Schöpfung Gottes ausbreitet. Viele Ängste und Schrecken klingen da zugleich mit. Aber es sind Ängste und Schrecken, in denen Gott mit seiner Hingabe mit anwesend ist – mit seinem Trost. Denn die Vollendung bedeutet nicht, dass alles in die apokalyptische Katastrophe stürzt, sondern dass alles Leben einmündet in eine neue Schöpfung aus Gottes Hirn, aus Gottes Herzen, aus Gottes Liebe. Und die ist wahrhaft allmächtig! Liebe wird sonst oft wahrgenommen als romantischer Irrweg der Herzen, als zerbrechlich und zart und eigentlich ohnmächtig. Hier aber erweist sich die Liebe als die eigentliche Allmacht Gottes – repräsentiert in ihrem scheinbaren Gegenteil, der ohnmächtigen Liebe. Liebe Gottes personifiziert in Jesus Christus. In Jesus Christus – dem Mann am Kreuz!

Der Glaube an die Macht Gottes kann nur zusammen gehen mit dem Aufsehen auf den Gekreuzigten. Da stehe ich an der Seite des Jüngers Thomas, der m.E. zu Unrecht „der Ungläubige“ genannt wird. Wenn mir am Ende der Zeiten ein Messias gegenüber treten will, in aller Pracht und Herrlichkeit, der mir aber nicht die Wundmale des Kreuzes an seinem Leib nachweisen kann, die Male seiner ohnmächtigen Liebe, dann werde ich ihm nicht folgen. Und die machtlosen Sünder werden mit Jesus feiern. An seinem Tisch feiern sie mit dem Brot und dem Wein der Hingabe. Sie feiern das Brot des geteilten Lebens und den Wein des vergossenen Blutes. Sie werden mit Christus auferstehen, so wie sie mit ihm gestorben und in seinen Tod getauft sind. Das verkündet die Posaune!

(zum Schluss) „Wir können alles, außer leise.“ Geht es auch anders? Die Posaunen müssen jedenfalls deutlich Signal geben. Das geht dann aber auch mal leise, vielleicht wenn den „Mühseligen und Beladenen“ mitgeteilt wird, wo sie „Erquickung“ finden – Heilung für ihre verletzten Seelen. Der Ruf der Posaunen sagt: „Ihr Leidenden, seht auf und erhebt eure Häupter, weil eure Erlösung da ist.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



 

Lukas 14, 15 – 24, 2. Sonntag nach Trinitatis, Ebersbach–Weiler ob der Fils, 14.6.2015

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das [a] Brot ißt im Reich Gottes! 16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! 18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, daß mein Haus voll werde.24 Denn ich sage euch, daß keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Wo sind eigentlich heute und hier im Gottesdienst die Gäste von den Landstraßen und Zäunen?

Das Gleichnis gibt mir die Frage vor. Ich habe mir gedacht, ich gebe die Frage einfach an euch weiter. – Ihr müsst sie hier nicht beantworten. Aber wie viele würden sich denn wohl heute Morgen melden, wenn ich fragen würde: „Wer gehört denn zu den Landstreichern und Bahnhofspennern, zu den Bettlern und Bordsteinfiguren, zu den Asylanten und Flüchtlingen?“ Ich bin ziemlich sicher, dass sich kein einziger melden würde. Aus zwei Gründen: 1.) Sich als Zugehöriger zu den Randsiedlern erkennen zu geben, kann sich als sehr demütigend herausstellen. Und 2.) Ich glaube einfach nicht, dass sich die Brüder und Schwestern von den Landstraßen und Zäunen in unsere Kirchen und Gottesdiensten sehen lassen. Vielleicht gibt es Ausnahmen. Aber im Großen und Ganzen finden sich doch im Gottesdienst eher Menschen ein, die sich eine gesicherte Existenz aufgebaut haben, die etwas gelernt und sich in einem Beruf etabliert haben. Menschen, die Verantwortung übernommen haben – Verantwortung für sich, für eine Familie, für eine Firma, für einen Verein, für ein Gemeinwesen. Ich denke, das ist hier heute Morgen nicht anders. Und natürlich sind wie immer in unseren Gottesdiensten normalerweise in großer Mehrheit Frauen vertreten: Mütter und Großmütter. Das sind nämlich die Menschen, die am meisten mit den alltäglichen Sorgen zu tun haben und sie vor Gott bringen möchten – Menschen, die sich um jemand sorgen. Und die sorgfältig darauf achten, dass die anvertrauten Angehörigen nicht eines Tages doch „auf der Straße“ landen – auf den „Landstraßen“ und an den Hecken und Zäunen landen.

Ich habe wie selbstverständlich euch Besucher im Gottesdienst mit den Festgästen im Gleichnis verglichen. Seid ihr in diesem Gleichnis überhaupt gemeint? Im Gleichnis wird ja kein Gottesdienst erwähnt. Da geht es einfach um ein Fest.

– Also: noch eine Bemerkung zu den Gleichnissen.

Ich liebe diese Gleichnis-Geschichten! Die sind nämlich eigentlich gar nicht kompliziert. Kompliziert werden sie erst, wenn noch weitere, tiefere Botschaften wie Codes darin versteckt werden (vgl. Mt-Ev.) – oder wenn die Prediger es kompliziert machen (das gibt es natürlich auch). Jesus hat es einfach gemacht. Er wollte ja seinen Zuhörern etwas deutlich machen – und nicht etwas mit dunklen Geheimnissen verschleiern. Das funktioniert hier also alles ohne jeden Geheimcode.

So wie Lukas berichtet, hat Jesus das Gleichnis in einer bestimmten Situation erzählt – anlässlich eines Gesprächs bei Tisch. Ein Tischnachbar bringt einen Toast aus: „Auf die Glücklichen, die zur Tischgemeinschaft im Reich Gottes gehören!“

„Reich Gottes“ – das ist das Stichwort, auf das Jesus reagiert. Fast alle seine Predigten und darin die Gleichnisse handeln vom Reich Gottes. Es sind Antworten auf die Frage: „Wie sieht denn das Reich Gottes aus?“ Und seine Antwort lautet in diesem Fall: „Wenn es einmal gelingt, dass Menschen von den Landstraßen und Zäunen, von den Bordsteinen und Hinterhauswinkeln, Menschen von den Rändern der Gesellschaft zum Essen eingeladen werden – das ist einfach himmlisch! Da ist ein Stück vom Himmelreich!“

Und weil unsere Gottesdienste doch ebenso immer etwas vom Reich Gottes vermitteln sollen, hat diese Geschichte auch mit diesem Gottesdienst hier, heute Morgen zu tun. Deshalb also stelle ich die Frage: „Wo sind denn hier heute die Menschen von den Straßen und Zäunen?“ Deshalb: Seht euch einmal vorsichtig um, ob ihr jemanden entdeckt. Und wenn ihr jemanden entdeckt habt, macht kein großes Aufsehen. Behaltet es für euch im Stillen – und freut euch, dass ihr ein Stück vom Himmelreich gesehen habt. Einen Ort, „wo sich Himmel und Erde berühren.“

Perspektivenwechsel:

Ich sehe jetzt einmal genauer auf die Menschen die im Gleichnis ursprünglich eingeladen waren – und abgesagt haben. Viele waren eingeladen. Bestimmt mehr als drei. Aber alle sagen ab!

Jesus macht es hier ähnlich wie oft in seinen anderen Gleichnissen: drei müssen als Beispiel herhalten. Zur Erinnerung ein anderes Gleichnis, das vom Sämann: dreimal fällt die Saat dorthin, wo sie nicht aufgehen kann. Aber dann ist noch genug auf gutem Boden für einen stattlichen Ertrag.

Hier also drei Absagen. Und ich finde, diese drei haben gute Gründe. Jetzt hat der eine einen Termin wegen eines Ackers, der zweite muss sich die neuen Arbeitstiere (heute eher einen Traktor) ansehen. Der dritte hat Hochzeit – nach Hollywood-Meinung der schönste Tag im Leben. Hat einer der drei irgendetwas falsch gemacht? Nein, keiner hat etwas falsch gemacht! Vielleicht der reiche Gastgeber. Hätte er seinen Festtermin nicht etwas eher bekannt geben können?

So ist einfach die Wirklichkeit, die Realität. Die drei Gäste konnten nicht. Da gab es einen Terminkonflikt im Kalender.

Ich erlaube mir, dies noch einmal auf den Kirchenbesuch zu beziehen und sage: es gibt auch viele gute Gründe, nicht in die Kirche zum Gottesdienst zu gehen. Und viele Kirchentreue machen sich Gedanken: „Warum kommen die nicht? Die haben es wohl nicht nötig! Was für eine Missachtung der Einladung Gottes!“ – Ich halte dem gerne entgegen: „Weshalb viele nicht in die Kirche gehen, sollte für uns zweitrangig sein. Vielmehr sollte uns mehr interessierten, weshalb diejenigen, die einmal gekommen sind, jetzt wegbleiben.

Das Bezeichnende in diesem Gleichnis Jesu ist aber, dass es überhaupt eine Einladung gibt. Dass es Knechte, Boten, Ausgesandte gibt, die die Einladung austragen. Es werden „Missionare“ ausgesandt.

In der Gemeinde, in der ich in den letzten Jahren Mitglied war (also nicht mehr im Amt), gab es – bildlich gesprochen – viele offene Türen. Wer immer vorbei kam, hatte die Möglichkeit hereinzukommen und an sehr ansprechenden familiären Gottesdiensten teilzunehmen. Trotzdem waren die Gottesdienste nur wenig besucht. Warum? Meine Antwort: Weil niemand hinaus gegangen ist, die Einladung zu verbreiten. Niemand wurde (im biblischen Sinn) „genötigt“. Es gab (damals) keinen Besuchsdienst und leider auch gar keine missionarischen Impulse.

„Auf dass das Haus voll werde“ – eine Gemeinde muss ausschwärmen. Sie muss aktiv werden. Schließlich geht es um etwas sehr Wichtiges. Es geht um die wichtigste Botschaft der Welt, wie so gerne gesagt wird. Und die lautet: „Jesus Christus ist gekommen die Sünder selig zu machen.“ – oder im Wortlaut des Gleichnisses: Jesus ist gekommen, auch diejenigen, die eigentlich schon in Bedeutungslosigkeit und Entfremdung versackt waren, daraus zu befreien und mit ihnen Gemeinschaft zu halten und ihnen damit die Nähe Gottes zu vermitteln. Die von den Rändern der Gesellschaft sind nicht weniger würdig, am Himmelreich teilzuhaben als die Gut-Bürgerlichen und Frommen. Jesus hat ihnen die Menschenwürde zugesprochen – die Würde, ein Kind Gottes sein zu dürfen. Und das wiederum war der Grund, dass man ihn aufs Kreuz gelegt hat: dass er nämlich ausgerechnet den Nicht-Frommen Gottes Einladung und Nähe vermittelt hat. Und die Frommen, die sich auf ihre Rechtschaffenheit und Rechtgläubigkeit beriefen – die haben ihn dafür zum Tod verurteilt.

Einladung! Eine Gemeinde, die nicht missioniert, hat ihren Auftrag verfehlt!

Ich weiß, dass das Wort „Mission“ in Misskredit geraten ist. Man assoziiert damit ein gewisses Drücker-Verhalten und Zwang. So habe ich auch einmal gedacht. Und dann traf ich mit Missionierten zusammen – mit Papuas aus dem indonesischen Westpapua. Da habe ich gelernt, dass Mission (in diesem Fall „äußere Mission“) gar nicht immer nur im Dienst und Gefolge des Kolonialismus, von Macht und Geld geschehen ist. Oft waren die Missionare schon vorher da – mit dem Bemühen die sog. Eingeborenen vor den Abhängigkeiten der Zivilisation zu beschützen – vor Alkohol, vor Glückspiel. Die indonesischen Gäste haben gesagt: „Wir danken Gott, dass er euch zu uns gesandt hat. Ihr habt uns von unseren alten Abhängigkeiten befreit – von launischen Gottheiten und Dämonen!“

Wie kann Mission hier in W., in Deutschland geschehen? Natürlich nicht dadurch, dass ich anderen Leuten auf den Keks gehe und sie von meiner Ideologie überzeugen will. Missionare wollen nicht überzeugen – sie sollen aber vielmehr deutlich bezeugen, was Jesus ihnen bedeutet. Wir zwingen den anderen nicht unsere Antworten auf. Aber wir verhalten uns so, dass sie uns fragen. Und dann antworten wir – und geben das Evangelium weiter. Im Gleichnis werden die neuen Zielpersonen „genötigt“.

Noch einmal – Perspektivenwechsel:

Jetzt noch einmal die Frage vom Anfang: Wo sind heute und hier im Gottesdienst die Gäste von den Landstraßen und Zäunen? Und ich stelle in diesem Zusammenhang noch eine Frage – gerade nach den Stichworten „Einladung“ und „Mission“. Ich frage Euch: „Wie seid ihr eigentlich in diese Gemeinde, in diese Kirche hineingeraten? Wie seid ihr Christen und Kinder Gottes geworden?“

Ich weiß, da gibt es viele Antworten. „Ich hatte gläubige Eltern. Die haben mich religiös erzogen.“ „Ich hatte einen großartigen Religionslehrer. Der hat mir den Glauben nahegebracht.“ „Ich war bei einer Evangelisation. Da habe ich zu Jesus gefunden.“

Viele unterschiedliche Lebens-Erfahrungen. Aber eines verbindet sie alle: Irgendwann hat einmal ein Mensch, ein „Bote“, die Einladung zum Fest Gottes zu euch gebracht – und ihr habt darauf reagiert. Und ihr habt irgendwann einmal „Ja“ gesagt – „Ja, ich will dazu gehören. Ja, ich nehme die Einladung an.“ Einige von euch können sich vielleicht sogar daran erinnern, wann das war – das Bekehrungserlebnis. Bei anderen ist das eher still gewachsen – und dann war es auf einmal da.

Somit haben wir als Christen hier im Gottesdienst also eine gemeinsame Geschichte: Wir wurden eingeladen. Und wir sind hingegangen …

Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, dass wir hier im Gottesdienst gar nicht zu denen gehören, die zuerst eingeladen waren? Dass wir diejenigen sind, die erst dann eingeladen wurden, als die anderen abgesagt hatten, als es hieß: „Geht auf die Straßen und an die Zäune!“? Könnt ihr euch vorstellen, dass wir hier im Gottesdienst und dass wir Christen allgemein überhaupt nicht die erste Wahl als Gäste für Gottes Fest sind? Geschichtlich und im Sinne der Bibel ist die erste Wahl Gottes das Volk Israel – die Juden – die übrigens immer noch als erste eingeladen sind. Wir Christen sind nur die zweite Wahl!

Wo also sind die Gäste von den Landstraßen und Zäunen? Das sind wir – wir Besucher dieses Gottesdienstes!

Ich finde, diese Erkenntnis sollte uns stolz und demütig zugleich machen. Stolz darf ich sein, weil Jesus mit seiner Einladung im Namen Gottes mir die Würde eines Gotteskinds zugesprochen hat. Das macht meine Würde aus – das ist mein Wert vor Gott.

Und demütig sollte ich sein, wenn ich auf die Menschen neben mir sehe – die Menschen, die es auf der gesellschaftlichen Karriereleiter nicht so weit gebracht haben wie ich. Und die es vielleicht auch auf der moralischen Bewertungsskala nicht so weit gebracht haben. Geschöpfe und geliebte Kinder Gottes. Sogar die moralisch Abscheulichen sind Menschen, die eingeladen sind. Sie sind immer noch deine und meine Geschwister.

Schon Kain trug das Zeichen, das ihn im Namen Gottes vor der Blutrache schützte. Und wir sind – biblisch gesehen – ja alle Nachkommen Kains! Keiner von uns hier (!) ist in Gottes Augen von höherem Wert als ein Penner oder gar ein Verbrecher! Und wenn von Gott nur derjenige anerkannt würde, der ein moralisch perfektes Leben führte, dann wäre von uns nicht ein einziger im ewigen Himmelreich dabei.

Aber die Erlösungstat Jesu gilt! Für uns Besucher hier im Gottesdienst ist Jesus an das Kreuz gegangen. Um Gottes Liebe und Hingabe zu bezeugen – und zu tun! Jesus ist das Wort Gottes in Person. Und Gottes einladendes Wort gilt allen! Und wenn einer hier Einschränkungen vornimmt oder Abstriche macht – der macht Gottes Liebe klein; der schmälert die Erlösungstat.

Also: Wir geben die Botschaft weiter – die Botschaft von der Einladung zum Fest Gottes. Wir geben sie weiter an die anderen von den Straßen von Zäunen. Ich glaube, es war Friedrich von Bodelschwingh, der gesagt hat: „Wir geben die Botschaft weiter wie ein Landstreicher, der einem anderen Landstreicher sagt, wo es eine gute Suppe gibt.“

Gott sei Dank, der uns durch Jesus Christus gewürdigt hat, seine Gäste, seine Kinder zu sein. Wir sind dabei!

Amen.



Matth. 4, 1-11, Invokavit, 22. Febr. 2015, Ev.-luth. Inselkirche Norderney

(1) Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. (2) Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. (3) Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. (4) Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

(5) Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels (6) und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (7) Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

(8) Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit (9) und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. (10) Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« (11) Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

der Maler Max Ernst hat im Jahr 1926 im Pariser Salon des Independants ein Gemälde vorgestellt, das für einen deftigen Skandal gesorgt hat. Die katholische Kirche stufte das Gemälde als Gotteslästerung ein, und so wurde es aus der Ausstellung wieder entfernt. Der damalige Kölner Erzbischof Karl Joseph Schulte hat das „Kunstwerk“ öffentlich verdammt und Max Ernst aus der Kirche ausgeschlossen, erzählte der Künstler später. – Das Bild ist heute im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Es trägt den Titel „Die Jungfrau Maria verhaut den Menschensohn.“ Und genau das war auf dem Bild zu sehen! Maria hat sich den Jesusknaben übers Knie gelegt und haut auf sein Hinterteil ein.

Das war ein Skandal: ausgerechnet die heilige Mutter Maria verhaut ihr Kind! Skandal: ausgerechnet der Gottessohn Jesus kriegt Schläge! Dass Schläge niemals eine angemessene Erziehungsmethode sind, brauche ich nicht zu diskutieren – obwohl Papst Franziskus ja vor einigen Tagen ein bisschen anders klang. Aber – kann sich einer vorstellen, dass Jesus überhaupt erzogen werden musste?

Als Christen bekennen wir doch: Jesus war und ist wahrer Gott und wahrer Mensch! Also eben auch wahrer, richtiger Mensch, mit einer sehr menschlichen Entwicklung – vom Baby, das die Windeln vollgedrückt hat, bis zur pubertären Jüngling, der seine große Klappe ausprobieren musste, und weiter zum jungen Erwachsenen. Jesus war kein Musterknabe (12jähriger im Tempel)! Musterknaben haben für mich immer etwas von Strebern und Schleimbeuteln. Also, auch der Gottessohn musste erwachsen werden! Und alle, die sich Gottes Kinder nennen, müssen irgendwann erwachsen werden – erwachsene Kinder Gottes! „Mündige Christen!“ hat Dietrich Bonhoeffer sie genannt.

Diese Versuchungsgeschichte berichtet vom Erwachsen-Werden Jesu! Vor allem 3 Dinge müssen dabei geklärt werden: a) Kann sich der Junge selbständig versorgen, d.h.: kann er überleben; kann er Belastungen aushalten? b) Hat der Junge Sinn für die Realität? Kann er eigene Entscheidungen treffen, also: Verantwortung übernehmen? c) (vielleicht die wichtigste Frage) Hat der Junge genügend Selbstvertrauen entwickelt, damit er sich in der Welt der Erwachsenen einordnen kann? Weiß er, wer er ist?

In der Versuchungsgeschichte tritt der Teufel auf! Er übernimmt in dieser Zeremonie die Rolle des Versuchers. Was es mit diesem Teufel auf sich hat, dazu sage ich später noch mehr. Jetzt erst einmal zu den Test-Fragen:

Frage a) Kann der Junge sich selbständig versorgen? Kann er Belastungen aushalten? „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“

Jesus geht in die Wüste. Er geht in die Wüste wie es viele Jungen in Naturvölkern immer noch tun, wenn sie als Erwachsene anerkannt werden wollen (z.B. bei den sog. Indianern). Die Wüste ist der Ort für die Bewährungsprobe!

40 Tage Wüste machen einen zuerst einmal völlig kaputt. Es gibt nicht genug zu essen, nicht genug zu trinken. Dazu die unbarmherzige Sonne, die einem die Haut verbrennt, die einen auslaugt und aussaugt. Und wie ist das da mit der Versorgung? Wie ist das, wenn du in der Wüste nichts zu essen hast? Wenn du Hunger hast, richtig Hunger hast, dann hast du nichts als Hunger! Und Jesus antwortet dem Versucher ja auch nicht: „Brot ist völlig unwichtig!“ Brot ist nämlich sehr wichtig. Wo der Hunger mächtig ist, ist Brot sogar viel wichtiger als alle frommen Worte! Erst kommt das Brot, dann das Wort!

Der Weg zum Erwachsen-Werden führt durch die Wüste. Ich kenne keinen reifen, erwach­senen Menschen, der in seinem Leben die Wüste nicht erlebt hätte. Und ich traue keinem Menschen, dessen Karriere ohne jeden Einbruch, ohne jede Krise gradlinig in die Höhe geschossen ist. Damit du erwachsen sein kannst, musst du es wenigstens einmal erlebt haben, wie das ist, wenn du mit völlig leeren Händen, ohnmächtig ausgeliefert deinem Schicksal gegenüber stehst, - wie das ist, wenn dir – im Gegensatz zu all den großmäuligen Machern und Überfliegern – bewusst wird, dass du dein Leben nicht allein meistern kannst, sondern dass du ganz und gar darauf angewiesen bist, was dir von anderer Seite überraschend und unerwartet geschenkt wird. Geschenkt! Nur wenn du die Grenzen deiner Möglichkeiten kennst, kannst du erwachsen werden. Wenn du in deinem Leben die Wüste kennengelernt hast – und verstanden hast, dass Gott dir die Wüste zumutet und zutraut – und dir dein Leben schenkt! Wenn du die Erfahrung machst, dass du überhaupt nur noch eines / einen brauchst: Gott selbst!

Darauf bezieht sich auch die Antwort, die Jesus dem Versucher gibt. Er zitiert nämlich in Kurzform ein Wort aus seiner Bibel. Das Zitat aus 5. Mose 8 lautet so: „(2) Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat … in der Wüste…. (3) Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, damit er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht. ... (5) So erkennst du ja in deinem Herzen, dass der HERR, dein Gott, dich erzogen hat, wie ein Mann seinen Sohn erzieht.“ – Die Wüste ist die Bewährungsprobe! Und so wird auch Jesus erzogen – in der Wüste!

Kann der Junge sich versorgen? Kann er überleben? – Jesus hat die Wüste hinter sich! Das ist Antwort genug! Erste Probe bestanden!

Frage b) Kann der Junge Verantwortung übernehmen?

„Bist du Gottes Sohn, dann beweise des durch einen Sprung vom Tempeldach.“

Der Versucher verschärft den Test. Gerade hat Jesus den ersten Test unter Berufung auf das Wort Gottes bestanden, da zitiert der Versucher  selber die Bibel – übrigens mit einem der beliebtesten Tauf- und Konfirmationssprüche. „Die Engel werden dich auf den Händen tragen.“ Sie helfen dir beim Fliegen! Wieder einer dieser kindlichen Wünsche! Der kindliche Held, der fliegen kann! Vielleicht ist es auch der Wunsch nach dem „Kick“, nach dem Augenblick des Rauschs. So etwas gibt es auch als religiösen Rausch. Bei manchen Formen von Religiosität habe ich den Verdacht, dass es da Menschen gibt, die nur ihren Rausch suchen. Die wollen sich religiös bekiffen.

Der Versucher versucht es ja mit dem religiösen Trick. Er zitiert einen Bibelvers. Das finde ich besonders hinterhältig: Verführung durch Bibelverse. Wer die Bibel wörtlich nimmt, kann auf diese Weise heftig aufs Gesicht fallen und mit der Nase im Dreck landen. Immer ist Vorsicht geboten, wenn dir einer Bibelworte um die Ohren wehen lässt. Die wörtliche Berufung auf ein einzelnes Bibelwort ist noch lange keine Garantie für Wahrheit. Nur die ganze Botschaft zählt! Dann hat sie etwas zu sagen.

Als Kind brauchst du die klare Anweisung. Entscheidungen und Eigen-Verantwortung dagegen sind Sache des erwachsenen Menschen. Kindlich und kindisch ist es, die Bibel wörtlich als Buch voller Anweisungen zu verstehen. Erwachsen ist es, Fragen zu stellen – und so lange zu fragen, bis der Sachverhalt verstanden ist. Kindlicher Glaube kann oder will nicht fragen. Aber als Erwachsener immer Anweisungen zu befolgen, ohne zu fragen, ist lebensgefährlich. Es macht abhängig von Befehlshabern. - Und man macht auf diese Weise den Glauben billig. Aber christlicher Glaube ist nicht billig, nicht banal! Er macht dich nicht zum Befehlsempfänger. Im Gegenteil: Glauben ist eine Konfrontation, ein Abenteuer! Er fordert deine Fähigkeiten. Es geht um deine Fähigkeit zu entscheiden. Es geht um deine Verantwortung! Jesus setzt dem Versucher ein anderes Bibelwort entgegen. Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Ein Bibelwort gegen das andere Bibelwort. Auch das gibt es! Die Bibel nimmt dir nämlich das Selber-Denken nicht ab!

Eine Randbemerkung noch zu diesem „Du sollst Gott nicht versuchen!“ Oder anders: „Du sollst mit Gott nicht experimentieren!“ Das wird ja immer gerne versucht: durch Experimente beweisen, dass es Gott gibt oder nicht. Da klappt bloß nie. Du bekommst Gott nicht unters Mikroskop und nicht ins Teleskop. Dann wäre ja Gott ein Objekt, eine Sache, die man untersuchen kann. Aber Gott ist niemals das Objekt menschlicher Experimente, und seien sie noch so wissenschaftlich. Gott ist immer Subjekt, d.h.: Gott handelt, Gott erschafft die Welt, Gott ist Ur-Grund allen Seins … aber niemals das Objekt menschlicher Versuche. Das weiß Jesus, und das erkennt er an.

Für Jesus ist die Angelegenheit entschieden. Jesus entscheidet gegen das trügerische Risiko und gegen den frommen Kick. Er entscheidet sich sachlich und vernünftig gegen die Gefährdung von Leib und Leben. Er entscheidet verantwortungsbewusst. Zweite Probe bestanden!

Frage c) Hat der Junge genügend Selbstvertrauen entwickelt, damit er sich in der Welt der Erwachsenen einordnen kann? Weiß er, wer er ist?

Jetzt – wie anfangs angekündigt – erst einmal eine Bemerkung zu diesem Versucher. Als Teufel tritt er auf, „Satan“ wird er genannt: In dieser Geschichte erfüllt der Satan eine Aufgabe; er spielt eine ihm zugewiesene Rolle, nämlich die des Prüfers. Das entspricht ziemlich genau der Rolle, die ihm z.B. im AT im Buch Hiob zugewiesen wird. Sie erinnern sich: er soll den Hiob überprüfen – als Gesinnungsschnüffler, als Ermittler und später Ankläger. (Prüfer sein, Steuerprüfer oder Fahrkartenkontrolleur – das ist echt ein satanischer Job.) – Aber: bevor der Satan seinen Job als Prüfer zugewiesen bekommt, wird er vom Allmächtigen noch gefragt: „Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?“ (Hallo!) Interessante Frage, finde ich. Was hat denn der Satan da für eine Aufgabe gehabt? Man höre und staune: als Schutzengel für Hiob! Der Satan – Schutzengel im Auftrag Gottes!

Kurz gesagt: was immer dieser Satan tut – er tut nichts ohne den Auftrag seines Chefs, ohne den Auftrag Gottes. Der Satan ist kein zweiter Gott, der dem Allmächtigen auf gleicher Augenhöhe gegenübersteht. Gott ist nur der Eine! Für Gott gibt es keinen gleichwertigen Gegenspieler!

Und das muss man wissen, wenn man sich die dritte Versuchung ansieht – da oben auf dem Berg angesichts aller Reiche der Welt und ihrer Herrlichkeit. – Was für eine Aussicht, da oben auf dem Berg: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Macht, Einfluss, Beachtung, Star sein … Einzige Bedingung: der Kniefall vor jemand anderem als Gott!

Einer meiner Pfarrer-Kollegen hat seine Konfirmanden nie zum Segen bei der Konfirmation knien lassen. Seine Begründung: „Ihr müsst nur vor Gott knien, niemals vor einem Menschen!“ Das ist m.E. ein sehr wichtiger Hinweis – wenn es auch für die Konfirmationspraxis nicht gerade angemessen ist. Wichtig also – gerade für einen Menschen, der erwachsen sein will: Sei dir klar, vor wem du in die Knie gehst. Sei dir klar darüber, wer und was du bist! Vor allem darüber, wer und was du vor Gott bist.

Was macht dein Menschsein aus? Was macht dich wertvoll? Dein Geld, deine Karriere, dein Titel? Meine Menschenwürde besteht darin, dass Gott mich würdigt, als erwachsener Partner für sein Schöpfungswerk mitverantwortlich zu sein. Kein Satan und kein Engel hat diese Position. Du und ich WIR – Menschen –  sind nur ein bisschen geringer gemacht als Gott (Psalm 8). WIR sind auf gleicher Augenhöhe mit Gott. Unmittelbar zu Gott. Ohne jede Zwischeninstanz. Ein Kniefall vor dem Satan wäre geradezu eine Selbst-Degradierung.

Also: mach dir klar, wer Gott für dich ist. Und dann sei stolz und selbstbewusst! Mach dir klar, wer du vor Gott bist. Jesus hat das getan! Er wusste, was er wert war. Er war und ist der Sohn Gottes. Und er hat es uns angesagt: Auch ihr, auch du – unmittelbar zu Gott! Prüfung bestanden! ---

Es geht ums Erwachsen-Werden. Natürlich: auch Erwachsene gehen immer wieder gerne zu ihren Eltern, so lange es noch geht. Auch Erwachsene brauchen ab und zu wieder die Mutti, brauchen es, dass einer da ist, der sie tröstet, wie einen eine Mutter tröstet. (Jes. 66, 13). Und es gibt solche Phasen im Leben, in denen du die mütterliche Hand Gottes brauchst. Aktuell und dringend. So etwas hilft und heilt und stärkt. Aber dann sind die Phasen auch wieder vorbei. Und die Kinder verlassen eines Tages die elterliche Schutzzone. Dann können die Kinder auch ohne Eltern ihr Leben meistern. Sie bleiben Kinder ihrer Eltern, die sie hoffentlich achten und lieben. Aber die Beziehung hat sich verändert. Und die Rollen verändern sich. Es kann z.B. sein, dass eines Tages die Eltern ihre Kinder um Rat und Hilfe bitten. Und die Eltern sind stolz auf ihre Kinder und freuen sich, dass sie den Kindern mit ihrer Erziehung den Weg ins Leben geebnet haben.

Du wirst ein Erwachsener werden vor Gott! Du bist ein mündiger Christ mit Verantwortung! Denn: Gott will auf deine Fähigkeiten, dein Talent nicht verzichten. Gott möchte stolz auf dich sein. Gott liebt dich, Gott will dich, Gott braucht dich! Amen.



Matth. 21, 1-9 (10.11), 1. Advent, 30.11.14, Gemeindezentrum Guckenrain, Dettingen /T.

(1) Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus (2) und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! (3) Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. (4) Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): (5) „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.“ - (6) Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, (7) und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. (8) Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. (9) Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! (10) Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? (11) Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa. - - -

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
„Wer ist der?“ Wer ist der, der da ankommt? „Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.“ Und ich frage: „Und wer, bitte, ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa?“ Die Menge am Straßenrand zitiert den Propheten Sacharja: „Hosianna dem Sohn Davids.“ Hosianna, das hebräische Kyrie eleison = Herr, erbarme dich unser – es ist der Ruf, mit ein Triumphator im römischen Kaiserreich nach gewonnener Schlacht empfangen wurde. (Diesem wurde allerdings auch zugerufen: „memento mori“ – gedenke des Todes = vergiss nicht, dass du sterblich bist). Und „Sohn Davids“ rufen sie. Das ist der Ehrentitel für den Erben des großen Königs, der von den Juden erwartete Befreier. Ist Jesus das? Der erwartete Befreier? Der Messias?
Jesus kommt durch die Vororte von Jerusalem – und wird empfangen wie ein Triumphator. Aber das Bild, das der Erzähler in meinem Denkstübchen aufhängen will, ist ziemlich zerknittert. Jesus kommt nämlich auf einem Esel / Eselsfohlen daher geritten. Nicht auf einem Pferd! Was ist das für ein seltsamer Kontrast zu den Gepflogenheiten der Mächtigen! Da kommt also kein Repräsentant der Macht! Ein krasser Widerspruch zu den üblichen politischen Erwartungen. War das vielleicht Spott, was die Menge für Jesus übrig hat? Oder haben die Leute laut gelacht, weil hier einer wagte, die Macht der Römer lächerlich zu machen? Die Ohnmacht hat sich als Macht verkleidet. Haben sie möglicherweise alle erkannt, dass diese Ohnmacht nichts anderes ist als das unscheinbare Gewand der Liebes-Macht? Das wäre die richtige Spur gewesen! – Aber dann haben dieselben Leute wenige Tage später brüllend skandiert: „Kreuzige ihn!“
Die Leute damals am Straßenrand von Jerusalem hatten ihre Bilder im Kopf: Jesus, der Wunderheiler, Jesus, der wortgewaltige Prediger vom Reich Gottes, Jesus, der Rebell. Die Erwartungen, die Bilder im Kopf waren sehr unterschiedlich. Wer kommt da auf Jerusalem zu? Wer ist dieser Jesus? – Und wer kommt da auf dich zu, auf mich? Und wie siehst du Jesus? Welche Erwartungen hast du?
Es hat viele Versuche gegeben, sich Jesus nach dem eigenen Bild zurecht zu biegen. Als ich Ende der 60iger Jahre studierte, hätten die Revoluzzer Jesus gerne für sich vereinnahmt. Jesus – der Rebell gegen die sozialen Ungerechtigkeiten wie der Priester Camilo Torres in Kolumbien, dem der Sänger Victor Jara ein musikalisches Denkmal gesetzt hat.
Einen anderen Versuch zeigte (in den 70igern) der wunderbare Kurzfilm „Parabel“, der von dem US-Amerikaner Rolf Forsberg für den Rat der Lutherischen Kirchen in den USA produziert wurde. Ein Stummfilm – ohne Dialog, nur Handlung und Musik. Ein paar Menschen arbeiten bei Magnus, dem Puppenspieler. Der benutzt sie als lebende Marionetten und kontrolliert jede Bewegung. Ein weißer Clown folgt dem Theater auf einem Esel (!). Er hilft, wo er kann, und befreit schließlich die lebenden Marionetten, indem er sich selbst zur Marionette machen lässt. Er wird aufgehängt und getötet. Sein Opfer verwandelt den Puppenspieler Magnus. Der schminkt sich weiß, und reitet als weißer Clown auf dem Esel im Gefolge des Zirkus. – Ein filmisches Gleichnis für die Hingabe Jesu und seine Auferstehung. Jesus als Clown … das war damals eine Vorstellung, die manch einem gegen den Strich ging, der in den traditionellen Deutungsmustern hängen geblieben war. Das könnte heute immer noch so sein.
Es gibt auch ein Bild von Jesus, das mir persönlich überhaupt nicht gefällt: das Bild von Jesus, dem Musterknaben. In einer Andacht über den 12jährigen Jesus, der nicht mit der Karawane nach Hause gezogen, sondern im Tempel bei den weisen Lehrern geblieben war, hatte ich angemerkt: „Da hat der pubertäre Jesus seine Eltern erschreckt. Er hätte ja wenigstens Bescheid sagen können.“ Oh, da hatte ich etwas Falsches gesagt! Jedenfalls reagierte ein Zuhörer deutlich sauer und erklärte später: „Der Herr hat auch als Kind keine Sünde begangen.“ – Offensichtlich hatte da einer nicht verstanden, dass es zwischen Fehler machen und Sündigen einen riesigen Unterschied gibt. Aber welches Bild drückt sich in der Reaktion aus?! Jesus ist der Musterknabe Gottes – und Musterknaben machen keine Fehler! Dazu kann ich nur sagen: Musterknaben kann man aber auch nicht liebhaben! Menschen ohne Fehler, ohne Macken – die kenne ich nur als Streber und Schleimbeutel. Wenn etwas keine Fehler hat, dann ist das immer ein Zeichen, dass daran heftig rum-manipuliert wurde. Für Menschen gilt das Gleiche: Menschen ohne Fehler sind nicht echt! Und ich finde, Jesus war echt – als Mensch und als Gott, aber eben auch als Mensch!
„Wer ist der?“ Seit Jesus auf die Bühne des öffentlichen Lebens tritt, wird das gefragt.
Was hat denn eigentlich die ersten Jünger bewogen, ihm nachzufolgen? Warum sind die Fischer, Zöllner, Bauern seine Jünger geworden – und zwar zu einem Zeitpunkt, als Gott ihn noch nicht von den Toten auferweckt hatte? Waren es die Wunder? Die Predigten?
Mich hätte und hat überzeugt, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist, die am Rande der Gesellschaft lebten. Die liefen mit dem Bewusstsein durch die Straßen: „Wir sind in diesem Volk die Randfiguren. Wir sind die Verlorenen.“ Das waren die Menschen am Straßenrand von Jerusalem. Randfiguren. Straßenrand-Figuren. Bordstein-Gestalten. – Jesus hat diesen Verlorenen ihre Achtung, ihre Menschenwürde wieder gegeben und ihnen gesagt: „Gott hat euch gesucht und gefunden – der gute Hirte, der sein verlorenes Schaf sucht, der treue Vater, der den verlorenen Sohn wieder in die Arme schließt.“ Und dann hat Jesus sich mit ihnen zusammen an einen Tisch gesetzt und gefeiert. Und die Verlorenen haben verstanden: „Gott sitzt mit uns am Tisch! Er will uns, er braucht uns, er liebt uns!“ Ich bin überzeugt: Damit hätte er mich gewonnen. Damit hat er mich gewonnen. Damit hat Jesus Menschen gewonnen – für sich, für den Vater im Himmel. „Auch ihr seid Kinder dieses Vaters im Himmel. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihm in Ehrfurcht danken. Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid!“
So etwas konnte natürlich den „Pharisäern und Schriftgelehrten“, den Moral-Aposteln und Ordnungswächtern, nicht gefallen. Die sagen nämlich immer: „Zuerst musst du dein Leben säubern. Damit du Gott gefallen kannst, musst du ihm zuerst einen Gefallen tun.“ Aber Jesus hat gesagt: „Gott selbst hat längst alle Voraussetzungen geschaffen. Müssen musst du gar nichts! Sage einfach ‚Danke!‘“
Und das ist ja wohl eine Botschaft, die in der heutigen Zeit wieder und immer noch sehr wichtig ist – und immer noch zum Widerspruch herausfordert. Gottes-Krieger nehmen sogar Waffen und Bomben, um Gott beim Kampf gegen das Böse zu helfen (z.Zt. in der der Hauptsache Angehöriger anderer Religionen. Aber Angehörige der christlichen Religion haben sich das auch geleistet, wie ein Blick in die Kirchengeschichte beweist). Als ob Gott das nicht alleine könnte! Wer so handelt, bestreitet Gottes Allmacht! Er degradiert Gott! Ein solcher Kampf ist eine Beleidigung Gottes, für mich die schlimmste aller denkbaren Gotteslästerungen. – Und wie ist es mit Missionieren, Verkündigen und sich Aussenden lassen, Singen und Beten, die Bibel studieren? Manche wollen damit Gott gefallen. Aber das tut man ja nicht, um sich damit den berühmten Fensterplatz im Himmel zu verdienen! Das ist hoffentlich einfach die Antwort des dankbaren Herzens! Denn: Gott hat längst seinen Gefallen an dir gefunden. Da musst du nicht noch nachhelfen – nicht einmal ein bisschen! Sage einfach: „Danke!“ Und erzähle weiter, was er für dich getan hat!
Ich danke, dass diese Zusage der Zuwendung Gottes in der Person Jesus Christus mich endlich frei macht, mich dem Leben zuzuwenden, und zwar diesem irdischen Leben mit all seiner Last und mit all seiner Lust. – frei macht, Not aufzuspüren und das Notwendige (das Not Wendende) zu tun. – frei macht, dieses Leben und diese Welt und das Reich Gottes hier im Diesseits mit aller Neugier zu entdecken, zu erforschen und als Geschenk des Himmels zu loben und zu preisen. Das ist meine Erfahrung mit Jesus. Das hat er bei mir bewirkt. Jesus hat mich frei gemacht!
Und wer kommt da auf Euch zu? Was habt ihr erlebt?
Es gibt so viele unterschiedliche Erzählungen und Berichte über Jesus – viele, viele unterschiedliche Bilder, unterschiedlich geartete Beziehungen. Ich frage mich manchmal, ob die Geschichten im NT über Jesus immer denselben Jesus meinen
Ich kenne Peter Wick ganz gut. Er ist Professor für NT an der RU Bochum. Ich habe ihm diese Frage gestellt: „Ist das immer derselbe Jesus, von dem das NT erzählt?“ Er sagte dazu – sinngemäß: „Jesus war so vielseitig – er hatte jedem etwas zu sagen.“ Und dann wies er darauf hin, dass man heute in der Forschung nicht mehr danach fragt, wie ist der sog. historische Jesus wirklich gewesen, sondern dass man die Wirkungsgeschichte untersucht: Was hatte er in den Menschen bewirkt? Genau wie heute ihr als Gemeinde gefragt seid: Was hat Jesus mit euch gemacht? Was habt ihr mit ihm erlebt?
Wer ist der? Ich komme nicht um das Problem herum: Wenn ich wissen will, wer Jesus ist und wer denn da auf dem Esel auf mich zu kommen will – dann begegne ich Menschen, die von ihm erzählen; Menschen, in deren Leben er eingegriffen hat. Wenn du wissen willst, wer Jesus ist, musst du dich mit den Menschen befassen! Und zuerst mit denen, die dir an die Seite gestellt sind. Dann kann es passieren, dass du in dem Menschen an deiner Seite Gesichtszüge dieses Jesus entdeckst …
In dieser Zeit kommen wieder viele neue Gesichter auf uns Menschen in Deutschland zu. Nicht im kaiserlichen Triumphzug. Nicht in den schwarzen Staatskarossen. Nicht mit militärischen Ehrenbezeugungen. Keine Blasmusik spielt Nationalhymnen. Es sind Menschen, die da auf uns zu kommen. Menschen mit weiten Augen, die nicht einmal mehr Angst haben, weil sie die Angst schon hinter sich haben. Was immer auf diese Flüchtlinge, auf die Fremden zu kommt – es kann nicht schlimmer sein als das, was mit ihnen schon passiert ist. Wer kommt da auf uns zu? Wieder Menschen wie „Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa“?
In den biblischen Geschichten wird berichtet, wie Gott zu den Menschen gegangen ist. Da ist er fast immer als Fremder aufgetreten, als einer, der auf der Durchreise ist und Unterkunft sucht (Abraham, Jakob u.a.). Und ich glaube, das passiert eigentlich immer so. Wenn Gott kommt, dann nicht gerade als einer, der mich in meinem Kuschelbedürfnis befriedigt. Er kommt als Fremder auf mich zu. Ich muss mich mit ihm zusammen- und auseinandersetzen. Mit dem Fremden, der auf mich zu kommt. Mit den biblischen Geschichten, wenn sie auf einmal fremd werden und die alten Deutungsmuster nicht mehr greifen und sich völlig neue Perspektiven auftun. Wenn auf einmal ein Umdenken erforderlich wird – „Umdenken“ = griech. metanoia, in der Bibel übersetzt mit dem Wort „Buße“. Gott begegnet als Fremder. Immer als Herausforderer. Gott ist immer der Andere. Gott ist mein Gegenüber, Gott ist das Du zu meinem Ich
Und Jesus ist das Wort Gottes in Person. Er repräsentiert diese Herausforderung, den Anderen. Den unberechenbar Fremden. Er ist das DU. In Jesus ist Gott. Am Ende der Zeiten wird es für alle sichtbar hervortreten. „Wer ist der?“ Wer Ohren hat zu hören und Augen zu sehen, der kann es schon jetzt ahnen, was noch nicht offenbar ist. Gott kommt auf uns zu! Amen.

Eph. 5, 15-20, 18.n.Trin., 19.10.14, Gemeindezentrum Guckenrain, Dettingen /T.
(eine kürzere Fassung gab es in der Schlossberghalle Dettingen anl. "Dettinger Herbst".

Eph. 5 (15) So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, (16) und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. (17) Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. (18) Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. (19) Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen (20) und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus. (LÜ)

 Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
was ist denn da los? Ist das nötig, Herr Paulus (oder wer immer diesen Brief verfasst hat) – ist es nötig, die Gemeinde so zu abzukanzeln? „Sauft euch nicht voll Wein …“
Wenn ich mir alte Predigten ansehe, kann ich oft darauf zurückschließen, was gerade in der Gemeinde für Probleme vorlagen. Also: Was war denn da los in Ephesus? Hatten die damals Probleme mit Säufern? Oder waren sie entsprechend öffentlich in Verruf geraten? Damit wären die Epheser auf unerwartete Weise ausgerechnet auf den Spuren Jesu gewandelt. Der war nämlich auch in den Verdacht geraten, ein „Fresser und Weinsäufer“ zu sein (Mtth. 11, 19). So etwas kommt ja nicht von ungefähr. Wäre Jesus durch und durch Asket gewesen, also einer, der auf jeden Luxus verzichtet, hätten sich seine Gegner etwas anderes einfallen lassen müssen.
Die Ermahnung an die Epheser kann aber auch noch anders gemeint sein, nämlich als ein Blick auf das Umfeld der Gemeinde. Dass nämlich drumherum kräftig Wein gebechert wurde. Dann würde die Ermahnung bedeuten: „Beteiligt euch nicht daran! Das sieht für Christen nicht gut aus, wenn sie unkontrolliert durch die Gegend torkeln. Und es schadet dem Image der Gemeinde!“ Es könnte sogar ein Lob darin stecken: „Sollen sich doch die anderen besaufen. Ihr habt das zum Glück nicht nötig!“ – Also: was ist los in Ephesus?
Es ist nicht ein nur ein einziges Problem, das in diesem Brief angesprochen wird. Es sind viele. Und alle beschäftigen sich mit der Frage:  „Woran sollen Christen erkennbar sein?“ Modern gesprochen: „Was macht den Wiedererkennungswert der Christen aus?“
Also! Woran kann man die Christen erkennen? Vielleicht daran, dass sie die besseren, die moralischeren Menschen sind? Dass sie „die Guten“ sind? Es gibt ja erklärte Christen, die sich gerne so darstellen. Kritiker des christlichen Glaubens drehen hier sofort den Spieß um und zählen auf, was in der Vergangenheit gerade im Namen des offiziellen Christentums an Gräueln, an Mord und Totschlag geschehen ist. Und interessanter Weise wissen immer die erklärten Nicht-Gläubigen, wie sich die Christen eigentlich (!) verhalten müssten. Deshalb sei hier gleich gesagt: Christen sind nicht die besseren Menschen! Sie sind genauso Sünder wie alle anderen! Und das nicht nur – wie im Karnevalsschlager: „… alle kleine Sünderlein!“ – Christen sind nicht die besseren, aber sie sind „besser dran“ als die anderen. Denn sie wissen, dass sie Sünder sind, und stehen dazu. Und sie sind besser dran, weil sie der Zusage von der Gnade Gottes glauben können. Weil sie dem Evangelium glauben. Und weil sie die Welt, in der sie leben im Lichtschein des Evangeliums betrachten. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn sandte, damit alle die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh. 3,16).
In diesem Epheserbrief werden vor allem Probleme angesprochen, wie man als Christ sein Familienleben gestaltet. Der Brief gibt Hilfen für die Gestaltung des christlichen Familienlebens. (Interessant und spannend zu lesen: Im Anschluss an den Predigttext - Untertan-Sein der Frauen …? Aber auch: Männer den Frauen … Seid einander untertan!) Aber man kann das durchaus auf das Gemeindeleben übertragen – und auf die Kirche in Gesellschaft und Öffentlichkeit.
Und das gibt es ja wirklich wieder hochaktuelle Probleme! Nicht nur im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit den anderen Religionen. Erst recht im Hinblick auf die sog. christlichen Werte und gesellschaftlichen Ziele in unserer eigenen Kultur. Was vertreten Christen für Positionen bei den Themen Militär-Engagement in fernen Ländern, Flüchtlingsunterbringung, Sterbehilfe, Abtreibung, Umgang mit Menschen anderer sexueller Orientierung…? Da sollten Christen doch hoffentlich etwas zu sagen haben, und zwar am besten mit einer Stimme! Und das wiederum nicht als rechthaberische Moralisten, sondern als Menschen, die sich ihrer Verantwortung für die Zukunft des Zusammenlebens bewusst sind.
„Denn es ist böse Zeit!“ Das ist kein Satz, der nur ein einziges Mal in der Vergangenheit galt. Und ebenso wenig ein Satz, der allgemein die ganze Menschheitsgeschichte als Jammertal verdammt und danach die Menschen auf das bessere Jenseits vertröstet. Dies ist ein Urteil, das tatsächlich für unsere Zeit gilt: „Böse Zeit!“ Denn es ist meine und Eure Aufgabe als Christen, immer wieder die Zeit, jede Ära, in der wir leben, verantwortlich daraufhin zu prüfen, ob sie gute oder böse Zeit ist. Leben wir in einer bösen Zeit? Sicher, es geht uns Bürgern der Bundesrepublik unverhofft sehr gut. Z.B. hat es fast 70 Jahre in Mitteleuropa keinen Krieg mehr gegeben. Aber da bin ich erst recht aufmerksam und sehe zu, dass es dann auch weiterhin keine Kriege mehr gibt. Und da ist unsere Zeit tatsächlich wieder „böse Zeit“; denn das Wasser steigt und die Kriegstreiberei nimmt beinahe unaufhaltsam zu.
Wir leben in einer „bösen Zeit!“ Ein Thema beunruhigt mich persönlich in den letzten Tagen sehr. In den Medien wird die sog. Sterbehilfe diskutiert. Es wird speziell ein Gesetzentwurf diskutiert, der die Beihilfe zur Selbsttötung gewähren soll. Damit würden die Entscheidungsträger nicht mehr ihr persönliches Gewissen befragen müssen, sondern sie könnten sich auf einen Gesetzestext berufen, der ihnen die „Lizenz zum Töten“ erteilt. Diese „Lizenz zum Töten“ gibt es leider auf vielen anderen Gebieten schon … Wir leben in einer „bösen Zeit“.  
Unter solchen Bedingungen ist es bestimmt auch angebracht, nüchtern zu bleiben und sich nicht in einen Rausch zu verflüchtigen – sei es in den Rausch vom „Wein- Saufen“ oder mit dem Rückzug in eine religiös verzückende Rausch-Welt.
Übrigens – noch einmal zur Kriegsthematik: Zu den Kennzeichen der ältesten Christenheit gehörte es, dass sie den Militärdienst verweigert haben – einer der Gründe für die frühen Christenverfolgungen.
Und ein zweites Kennzeichen der ersten Christen war ihre Diakonie. Das kommt nun gerade in diesem Briefabschnitt nicht vor. Aber dass Christen immer anderen Menschen in Notlagen geholfen haben – und das sogar bestens organisiert haben – hat ihnen immer Beachtung und Hochachtung eingetragen.
Und schließlich gab es damals noch ein drittes markantes Kennzeichen der Christen in der Öffent­lichkeit ihrer gesellschaftlichen Umwelt. Sie sangen in ihren Gottesdiensten. Das war eine Besonderheit! Das war früher eine Besonderheit und ist eine Besonderheit bis in die heutige Zeit. Nach 1945 haben die Überlebenden der Gefängnisse und Vernichtungslager erzählt, dass ihnen die Christen mit ihren Liedern Mut gemacht haben.
Interessant finde ich, dass ausgerechnet das Singen von Psalmen und Lobgesängen in diesem Brief als eine bessere Alternative zum Besaufen vorgestellt wird: „Sauft nicht Wein, sondern singt beseelt vom Heiligen Geist!“ Kurz gesagt: „Heiliger Geist, statt Weingeist!“
Selbstverständlich kommt es darauf an, WAS gesungen wird Heiligund für wen da gesungen wird. Es geht natürlich um das Lob Gottes und um Dank für alles, was Gott getan hat und tut.
Wenn ich einen Menschen lobe, kann das in zwei Richtungen geschehen: 1.) Ich sage meinem Gegenüber direkt: „Da hast Du etwas sehr Gutes geleistet!“ oder 2.) Ich sage es einem anderen weiter: „Die Frau Dingsbums hat da etwas sehr Gutes geleistet!“ Und Lob Gottes geht auch so: Ich lobe Gott im Gebet und danke für seine wunderbaren Gaben. Und ich sage es anderen weiter: „Gott hat Großes an mir getan. Achtet auf seine Wunder!“
Das Singen und Danken richtet sich also an Gott selbst. Und es richtet sich immer zugleich auch an andere Menschen. Es hat eine senkrechte Richtung (nach oben) und hat eine waagerechte Richtung (in die Breite). Singen und Danken ist immer zugleich auch Verkündigung. Nämlich Verkündigung des Heils in Jesus Christus: Wie Jesus Christus sich in seiner Liebe hingegeben hat, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Wie Gott den Menschen aus dem Zwang der Sünde heraus gerettet hat – aus der Gottes-Ferne, aus der Entfremdung, aus Leid und Tod zu einem Leben in einer neuen Schöpfung. Und wie das Handeln Gottes auf diese Weise die Welt verändert hat. Dass es Menschen gibt, die ihre Lebensgemeinschaft völlig neu definiert haben – sich in der Gemeinde z.B. nicht mehr daran orientiert, was ein Mensch im Leben leistet oder was ein Mensch sich leistet – sondern daran, was ein Mensch für sein Leben braucht!
Es gibt leider auch ein Singen und Jubilieren von Lobgesängen, das nicht besser ist, als sich zu besaufen. Religiöse Ekstase ist da ebenso ein Rausch wie Trunkenheit oder Bekifft-Sein. Das richtet sich weder nach oben noch in die Breite. Da geht es nur um den eigenen „Kick“, um die eigene Befindlichkeit. Da muss man also aufpassen, dass da nicht einer fromm tut, aber sich ich Wirklichkeit gerade einen Schuss verpasst. Die Apostel mahnen deshalb in ihren Briefen immer wieder zur Nüchternheit!
Dieser Paulus formuliert genau deshalb das Thema des Gesanges, der befreien und beglücken soll und der Gottes Taten verkündet: Dank an Gott, Dank für Jesus Christus.  Es gilt, „was Christum treibet“, hat Martin Luther gesagt.
Was also ist los in Ephesus? Und was ist los in der heutigen Zeit – in Dettingen, in Deutschland, in der Welt? Seht hin und hört hin! Was immer es im Einzelnen ist – vergesst nicht, auf Christus zu schauen – und gleichzeitig auf das, was um euch herum geschieht. Lest die Bibel UND die Zeitung. Und dann rückt das Geschehen in das Licht der Botschaft Gottes. Macht das Lied von der Liebe Gottes überall bekannt. Wo es nötig ist, haut auf die Pauke und sagt: „Nein!“ Oder ihr sagt: „Genau so!“
Und in demselben Atemzug dankt Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.Amen.



Jakobus 1, 12 – 18
Predigt zum Jubiläum „40 Jahre ordiniert“,
9. März 2014, Sonntag „Invokavit“, Ev. Wichern-Kirche, Hattingen Bredenscheid

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
meine Frau und ich wohnen jetzt seit mehr als einem Jahr in der neuen Heimat am Rande der Schwäbischen Alb – von Hattingen nach Dettingen. Wir haben uns dort gut eingelebt. Die Nachbarn sind freundlich. Neue Freunde haben wir auch schon gefunden. Und ich selbst leite inzwischen in der Gemeinde dort den Posaunenchor.
Ich werde immer wieder einmal nach den Unterschieden gefragt. Nach den Unterschieden zwischen den Schwaben und den Westfalen, und auch nach den Unterschieden in den Kirchen. Über die Unterschiede zwischen Schwaben und Westfalen können wir uns später (beim Kaffee) noch unterhalten. Aber zu den Unterschieden zwischen den Kirchen, und zwar zwischen den Kirchen-Gemeinden, möchte ich jetzt etwas sagen.
Es ist schon fast ein klassischer Unterschied – wie man ihn in der Geschichte der Ökumene, in der Reformationsgeschichte und überhaupt in der Kirchengeschichte durchgängig findet. Es handelt sich um die unterschiedliche Gewichtung von christlicher Glaubenslehre und christlichem Glaubenshandeln. Bei den Schwaben legt man viel Wert auf die richtige Lehre, auf Überzeugungen, Ansichten, Meinungen. In der Malocher-Welt des Ruhrgebiets fragt man eher nach dem richtigen Handeln, nach der Praxis des Glaubens. Herbert Grönemeyer sagte einmal in einem Fernsehinterview sinngemäß: „Bei den Bergleuten war es nie wichtig, was einer dachte. Da war  nur die Frage wichtig: Wer holt mich hier unten raus, wenn es nötig ist.“ Ich habe den Eindruck, das findet man so in den Kirchen wieder. Im Ruhrgebiet – und in Bredenscheid immer wieder ebenso – kriegst du zu hören: „Als Christ musst du durch dein Handeln erkennbar sein. Leere Worte – kannze gleich inne Tonne kloppen!“ Ich höre dabei aber sehr oft das Wörtchen „muss“. Und ich dann wünsche mir, dass mal einer sagt, warum ich das denn jetzt so tun muss – z.B. für die Diakonie spenden. Ich möchte da mehr hören vom Grund des Glaubens, von Jesus Christus, der das Ganze doch auf den Weg gebracht hat. Mein Vater kritisierte früher die Prediger oft mit den Worten: „In der Predigt kam Jesus nicht vor!“ Also: auch im Kohlenpott sollte man mal wieder von Jesus reden – oder auf „Neudeutsch“ (was immer ein bisschen englisch klingt): „Jesus is Lord over the Pott!“
Bei den Schwaben in Dettingen ist viel von Jesus die Rede. Der Pietismus hat dort einen guten Nährboden gefunden. „Pietismus“ bedeutet: Du hast dein Leben bewusst mit der Lebensgeschichte Jesu verbunden. Du fühlst in deinem Alltag, wie Christus als der auferstandene Herr an deiner Seite ist. Jesus ist zwar unsichtbar, aber du gehst Hand in Hand mit ihm durchs Leben. Die Predigten handeln sehr oft davon, wie man dieses Jesus in seinem Leben finden und erleben kann. Und davon, was man wissen muss, was man lernen muss und wie man erkennt, dass man dazu gehört. Also auch wieder ein „muss“ – aber von anderer Art. Jedenfalls wirst du immer wieder auf Jesus verwiesen. Auf seine Geschichte, auf seine Gegenwart. Guter Kontakt zu Jesus – alles klar! Und dann denke ich: „Nein, ist nicht alles klar!“ Ich hätte gerne gewusst, wie es jetzt weitergeht. Was hat das für Konsequenzen für dich, für deinen Mitmenschen, für deine Familie, für deine Stadt, für die Politik? Wie sieht dein Handeln jetzt aus? „Wie schön, Jesus liebt mich. Und jetzt fahr ich zum Picknick!“ – das kann ja wohl nicht alles sein. Ich denke, wir sind uns einig, dass Glaubenslehre und Glaubenshandeln die Kehrseiten ein und derselben Münze sind.
Als Pastor bin ich vor 40 Jahren kirchlich beauftragt worden, Menschen für Jesus Christus zu gewinnen, indem ich seine Geschichte erzähle und verkünde:  „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen.“ (1. Tim. 1,15) Seine Geschichte von Leiden, Tod und Auferstehung zu erzählen, ist die eigentliche Aufgabe des Pastors. Darauf wird er bei der Ordination verpflichtet. Und darauf, Menschen seelsorgerlich auf ihrem Weg zu helfen, diese Botschaft in ihrem Leben umzusetzen und zum Klingen zu bringen.
Auch der Predigttext für den heutigen Sonntag Invokavit spiegelt diese beiden Pole „Glaubenslehre“ und „Glaubenshandeln“ wieder. Ich lese aus dem ersten Kapitel des Jakobusbriefs:

12. Selig der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. 13. Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. 14. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. 15. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
16. Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. 17. Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. 18. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.  

Der Briefschreiber steht offenbar mehr auf der Seite des „Glaubenshandelns“.  Nicht ein einziges Mal wird hier der Name „Jesus“ genannt; und ob dieser Name irgendwo zwischen den Zeilen steckt, das ist immer noch fraglich. Selbst wenn man im dem Brief weiterblättert, wird das auch nicht wesentlich anders. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb der Reformator Martin Luther den Jakobus  nicht besonders gemocht hat. „Stroherne Epistel“ hat er diesen Brief genannt. Und viele hundert Jahre vorher, war es sogar fraglich, ob man den eigentlich im NT haben wollte. Und nur weil einige meinten, dieser J. sei doch identisch mit dem Bruder des Herrn, hat man sich entschlossen, ihn im NT zu lassen. Vielleicht war die Entscheidung ja doch gar nicht so falsch und es wird, aufs Ganze gesehen, doch noch ersichtlich, warum Jesus Christus selbst der Dreh- und Angelpunkt der Verkündigung bleiben muss.
Es geht dem J. vorrangig um die Bewährung des Glaubens im Alltag des Lebens. „Selig der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.“ Der Briefschreiber hat das eben nicht über Jesus gesagt. Er schreibt es zur Ermutigung an Gemeindeglieder, an die Kirchenbesucher von damals.
Ich war vor wenigen Tagen mit einer Gruppe auf Norderney. Einige Mitfahrer sind heute als Gäste hier. In den Andachten habe ich über die Seligpreisungen aus der Bergpredigt gesprochen. Hier – bei J. – ist auch eine Art Seligpreisung zu lesen. Das Ergebnis der Betrachtungen von Norderney war: Ich kann mir die Seligkeit nicht verdienen, sondern nur schenken lassen. – Aber bei J. klingt das erst einmal so, als wäre damit viel Schuften und Malochen verbunden. „Bewähre dich, dann kletterst du auf der himmlischen Karriereleiter nach oben!“
Seltsam: ausgerechnet der Vertreter des tätigen Christentums, sagt dann: „Mach dir nichts vor! Weit kommst du damit nämlich nicht! Das kann nicht klappen!“ Und er setzt noch einen drauf: „Wenn das mit der Bewährung nicht klappt, dann mache bitte nicht Gott dafür verantwortlich! Das ist ganz allein deine eigene Verantwortung.“  „Du kannst Gott für fast alles verantwortlich machen, aber nicht für das Unheil, das du selber anrichtest. Und das Ganze endet garantiert im Unheil!“ Er argumentiert: „Ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.“ (In der Zürcher Bibel steht statt „Begierde“ das Wort „Lust“.) Du bist Treibgut deiner Triebe! Und das hat Konsequenzen. Es gibt einen Sog nach unten. Begierde zieht dich zur Sünde, Sünde zieht dich in den Tod. Das ist der natürliche Weg. Da steckst du drin und kommst nicht mehr raus. Und wer ist verantwortlich für diesen seltsamen Trieb, für diesen Sog nach unten? Auf keinen Fall Gott, sagt der Schreiber. Daran ist nicht Gott schuld, denn Gott kann nichts Böses erschaffen, also auch keine Versuchung zum Bösen, zur Sünde. Alles, was Gott tut, ist gut! - Interessant, dass J. jetzt nicht auch noch einen Gegenspieler Gottes ins Spiel bringt, etwa den Teufel. Einen Gegen-Gott sozusagen. Es ist ja wie ein Teufelskreis. Nein! An dieser Misere, an dieser Zwickmühle, an diesem Sog nach unten bist du selber schuld. Es ist deine Begierde, deine Lust, die dir im Weg steht – im Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Gibt es diese Chance?
Die Karnevalszeit ist gerade zu Ende gegangen. Da kriegen „Sünde“ und „Lust“ bzw. „Begierde“ noch einmal einen speziellen Klang. Kleinigkeit, Verharmlosung, „Wir sind alle kleine Sünderlein. `s war immer so!“ Und – ich gebe es gerne zu – mir gefällt dieser moralische Unterton des J. auch nicht. Lust und Begierde sind doch sehr gute Triebe, geradezu lebenswichtig. Und Lust und Begierde gäbe es uns alle nicht. Und wer mit dem Begriff „Sünde“ immer nur „Sex“ assoziiert, ist irgendwie auf das falsche Gleis geleitet worden. „Kalorienbomben“ wie Kuchen und Eis gehören doch zumindest auch dazu …
Wieder ernsthaft: Man muss sich einmal gescheiterte Existenzen ansehen. Ich meine jetzt solche Menschen, an denen nicht zu übersehen ist, dass sie in diesen Sog nach unten hineingeraten sind. Was J. in seinem Brief beschreibt, erinnert mich an Sucht-Verhalten. Alkohol, Rauschgift, Spiel. Aber es gibt noch viel mehr: Arbeitssucht, maßloses Besitzstreben und sogar Religionssucht. Kann man das anders verstehen?
Wen hatte J. eigentlich im Blick als er seinen Brief schrieb? Ich denke, es wa­ren Gemeinden, in denen die erste Generation alt geworden war. Andere Strukturen wurden nötig. Mehr Organisation. Und damit ging es auch um die Frage von Macht und Verantwortung. Möchte ich in der Gemeinde an verantwortlicher Stelle jemanden sitzen haben, der eventuell seinen Posten missbraucht zur persönlichen Bereicherung? Ich vermute, es roch damals ein bisschen nach Korruption. Deshalb schreibt J.: Gier treibt euch weg aus der Gemeinschaft mit Gott, und das endet letztlich tödlich. J. sieht andere Menschen vor sich, als Jesus es getan hat.
Die Menschen, die Jesus gesehen hat: viele gescheiterte Existenzen. Die waren schon am Ende der gesellschaftlichen Wert-Skala. Und es waren viele, die in ihrem Tageslauf keinen Raum hatten, sich mit der Einhaltung des religiösen Gesetzes zu befassen. Es waren viele, die den Kontakt zu ihrem Glauben verloren hatten. Es waren viele Menschen wie du und ich! Jesus nannte sie „die verlorenen Schafe“. Und dann hat er den Kontakt zu ihnen gesucht, hat mit ihnen Tischgemeinschaft gehalten und ihnen die besondere Liebe und Zuwendung Gottes zugesagt. – Die Moralisten seiner Zeit haben ihn dafür kreuzigen lassen. Aber die eben noch gescheiterten Existenzen entdeckten ihre Menschenwürde wieder, entdeckten sich als Kinder Gottes, entdeckten ihr Leben als lebenswürdig und sich selbst als liebenswürdig. Sie konnten ihr Leben neu beginnen – Wiedergeborene aus der Liebe Gottes.
J. sieht aus einer anderen Perspektive als Jesus. Aber darin stimmt er mit ihm überein: „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. - Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.“
Es gibt einen Weg aus dem Teufelskreis heraus. Die logische Kette von Begierde – Sünde – Tod ist bereits durchbrochen. Dafür steht der Name Jesus. Es ist eben nicht mehr logisch, dass Begierde und Sünde automatisch einen Zusammenhang bilden, oder Sünde und Tod. Und zwar deshalb, weil Gott im Geschick des Jesus den Menschen gezeigt hat: es gibt einen anderen Weg. Den Weg des Vertrauens, den Weg des Glaubens. Und das ist der Weg, den Gott zuerst gegangen ist: Gott auf dich zu! Der Hirte sucht sein verlorenes Schaf! Gott vertraut dir. Er fragt einfach nicht mehr danach, was in deiner Vergangenheit gewesen ist. Ihn interessiert allein: Passt dieser Mensch, passen du und ich in die Zukunft, wie er sie haben will – in Gottes Zukunft!
Ich meine: genau dies wusste Jakobus auch. Sein Brief zielt dann aber in eine andere Richtung. Er will, dass die Gläubigen, an die er schreibt, in ihrem Glauben diese Zukunft sichtbar werden lassen, durch das, was sie tun. Die Zukunft Gottes muss in der Gegenwart sichtbar werden, und zwar dadurch, wie wir miteinander leben. Und darum gilt das, was Jesus für dich und mich getan hat, auch als Handlungsanweisung: „Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten.“ Wie Gott dich und deine Existenz aufgerichtet hat, so tu du es mit dem Gescheiterten an deiner Seite. Wenn es nicht gelingen will, traue der Liebe Gottes, und dem, dass Gott seine Schafe nicht verloren gehen lässt.
Und wenn es gelingt, sage von Herzen: „Gott sein Dank!“

Lukas 12, 16 - 21
Predigt zum Erntedank-Gottesdienst, 6. Okt. 2013, Gemeindezentrum Guckenrain, Dettingen unter Teck 

(16) Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. (17) Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. (18) Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte (19) und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! (20) Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? (21) So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

 Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!
Die zentrale Aufgabe eines jeden Predigers ist es zu verkünden, dass Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen. (1. Tim. 1,15). Ich will euch heute jedenfalls genau das sagen: Jesus Christus ist gekommen, die Sünder selig zu machen, glücklich zu machen. Jesus Christus ist der Befreier, der Erlöser! Das ist mein Thema!
Und jetzt kommt diese kleine Geschichte vom reichen Kornbauern daher. Und: „die Sünder selig machen“, die Botschaft von der Befreiung kommt gar nicht darin vor. Sie fehlt einfach. Es klingt eher fast ein bisschen hämisch: „Jetzt hat er seine reiche Ernte eingefahren, aber was hat er davon? Nichts!“ Wo ist da das Evangelium? Die Frohe Botschaft?
Ich versuche es mit einer schrittweisen Annäherung.

1. Schritt: Reichtum an Geld und Vermögen.
Die reichsten Persönlichkeiten in der Welt sind die Milliardäre. Habt ihr eine Vorstellung davon, was eine Milliarde ist? Es gibt Zahlenbereiche, die sind für mich unvorstellbar hoch. Da kommt es auf drei oder vier Nullen hinter der Eins gar nicht mehr an, die sind jenseits meiner Vorstellungswelt.
Was ist eine Milliarde? Stellt euch vor, ihr könntet jeden Tag 1000 EUR ausgeben. Das ist „eine Menge Holz“. Da geht mir schon nach einer Woche die Phantasie aus, was ich mir noch alles leisten möchte. 1000 EUR jeden Tag. Mal ganz schnell und ohne Überlegen: Wie lange käme ich da mit 1 Milliarde EUR aus? Bitte nicht rechnen! Nur spontan nach Gefühl! …
Ich sag’s euch: das sind ca. 2740 Jahre! Nach über 2740 Jahren wäre die Milliarde verbraucht. Also nach einem Zeitraum von den ersten Olympischen Spielen der Antike bis jetzt. Eine Milliarde kannst du in deinem Leben niemals ausgeben! Der reichste Deutsche verfügt über 17 Milliarden.
Im Internet kann man sich eine Liste der 500 reichsten Deutschen ansehen. Der reichste Deutsche ist derzeit Karl Albrecht („Aldi-Süd“). Der reichste Mann der Welt, Bill Gates, verfügt über 72 Milliarden. Da darf man doch mal ganz naiv fragen: Was wollen die denn damit? – Übrigens: auf Platz 500 der reichsten Deutschen steht Franz Beckenbauer.
Was wollen die Reichen mit dem Geld anfangen? Und wenn sie dann gestorben sind, was wollen sie dann damit anfangen? „Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“ Und die unausgesprochene Antwort auf die rhetorische Frage lautet: „Dir jedenfalls nicht! Deinen Erben vielleicht. Aber dir gehört dann gar nichts mehr!“
Reichtum schützt nicht vor dem Tod. Das sagt Jesus mit dieser Geschichte. Und alle nicken zustimmend mit dem Kopf. Denn das ist unter allen Lebenserfahrungen die selbstverständlichste, die banalste: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Ein Narr ist, wer glaubt, er könne sich mit seinem Geld Lebenszeit kaufen.
Aber die Reichen sind ja nicht dumm. Die wissen das auch. Sie wissen, dass sie Lebenszeit nicht kaufen können. Und trotzdem häufen sie Millionen auf Millionen, Milliarden auf Milliarden. Steckt da ein „Muss“ dahinter? Die Faszination an der Masse des Versmögens? Der Rausch der großen Zahl? Dann wäre ihr Vermögen-Raffen das Verhalten eines Süchtigen. Ein Leben in Abhängigkeit. Und wenn einer erst süchtig ist, dann kann man ihm nicht einmal mehr mit den einfachsten, banalsten Erkenntnisse kommen.
Denkt ihr noch daran, was meine Botschaft heute sein soll? Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen und zu erlösen. – Auch von der süchtigen Abhängigkeit vom Geld, vom Geld-Sammeln-Müssen! Kein Wunder, dass die Reichen immer ihre Probleme mit ihm hatten. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.“ Kurz gesagt: Geld-reich und Himmel-reich passen nicht zusammen.

2. Schritt: Reichtum an Lebensqualität
Der Volksmund sagt: „Geld macht nicht glücklich. Aber es beruhigt.“ Aber jeder weiß: das muss man sich erst einmal erarbeiten. Nämlich erst einmal die einfachsten Dinge, das tägliche Brot. Das ist in unserem Land / in unserer Gesellschaft so selbstverständlich, dass man es kaum noch erwähnt. Zur Lebensqualität zählt da eher ein Besuch beim Sternekoch, der nach dem Mahl fragt: „Hat es Ihnen geschmeckt?“ Die Zeiten waren auch einmal anders. Und in den meisten Ländern der Erde ist das immer noch anders. Da gehört zur Lebensqualität tatsächlich, überhaupt etwas zu essen zu haben. Und am Ende eines Gastmahls fragt die Gastgeberin nicht: „Hat es geschmeckt“, sondern: „Seid ihr auch satt geworden?“
Oder – je älter man wird, umso wichtiger wird es: Gesundheitsvorsorge, Altersvorsorge. Wo werde ich in Zukunft wohnen, und wie? Pflegeheim od. betreutes Wohnen? Lebensqualität als Zukunftssicherung – alles, was einem hilft mit wenig Mühe und wenig Leiden das Rest-Leben zu ertragen. Wenn man jünger ist, gelten eher andere Dinge als Lebensqualität. Die bekannten Statussymbole: das eigene Haus mit HD-Fernseher, PC mit Internetanschluss, natürlich das Auto und das Zweitauto, Theater- und Konzertbesuch, Segeljacht … Das kann man ja alles mit Geld kaufen. Lebensqualität besteht dann darin, sich alle möglichen Dinge leisten zu können, die man unmittelbar zum Leben eigentlich nicht braucht. Ist das Lebensqualität? Jedenfalls muss man dafür arbeiten. Oder erben! Das geht natürlich auch. Aber dann muss man wieder arbeiten, dass das Vermögen erhalten bleibt…
Was heißt hier eigentlich „Lebensqualität“? Eigentlich erwarte ich von Lebensqualität mehr Glück. Glückliches Leben. Mehr Lebensglück!
Von Heinrich Böll gibt es eine Kurzgeschichte, die auf ihre Weise deutlich macht, was Lebensqualität ist – fast eine Gegengeschichte zu dem „reichen Kornbauern“.
Böll erzählt von einem Touristen, der in einem südlichen Land mit einem Fischer ins Gespräch kommen will. Dieser liegt in der Sonne am Strand und tut gar nichts. Der Tourist – ständig fotografierend – versucht den Fischer mit vielen Worten zu überzeugen, dass es doch viel besser ist, die Zeit zum Fischfang zu nutzen und schließlich seinen Gewinn ordentlich zu steigern. Der Tourist rechnet dem Fischer vor – ich zitiere: „Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, …", … „… ein kleines Kühlhaus bauen, … eine Räucherei, … eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben, sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren - und dann..." - die Begeisterung (verschlägt) dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. „Und dann … dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken.“ „Aber das tu ich ja schon jetzt“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“
In den letzten Jahren hat man entdeckt, dass es auch eine „Arbeitssucht“ gibt, die sog. „workaholics.“ – Als Krankheit ist das eine zwanghafte Haltung zu Leistung und Arbeit. Man verfällt dem Rausch der Leistung und der Arbeit. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das ansteckend ist und sich schon viele damit angesteckt haben. „Leistung muss sich lohnen“, ist eine der zynischsten Parolen einer geldgeilen Politik.
Kann man sich Lebensqualität vielleicht erarbeiten? Weißt du überhaupt noch, was dein Leben reich und wertvoll macht? Heinrich Böll gab seiner Geschichte den Titel: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral.“ Ein Narr ist, wer glaubt, sich sein Leben würde durch Arbeit an Qualität gewinnen, an Glücklich-Sein. In der Paradies-Geschichte (1. Mose) ist Arbeiten-Müssen Gottes Strafe nach dem Sündenfall.
Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, zu erlösen. Und zwar auch von dem Zwang, arbeiten zu müssen!

3. Schritt: Reichtum an Anerkennung.
Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm schrieb: Menschen orientieren ihr Leben am Haben, oder sie orientieren ihr Leben am Sein. Orientieren am Haben, das heißt: diese Menschen sehen den Sinn ihres Lebens darin, viel Besitz zu HABEN, viel an Reichtum. Der Gegenentwurf: der Sein-Modus. Diese Menschen wollen keinen Reichtum haben, sondern ein Reichtum SEIN! Nicht Gewinn einstreichen, sondern ein Gewinn für die anderen sein.
Was sagen eigentlich die Milliardäre dazu? Und da stelle ich ganz erstaunt fest: Es gibt viele von den Super-Reichen, die mit ihrem Geld tatsächlich zu einem Gewinn auch für andere Menschen geworden sind. Sie haben viel von ihrem Geld in Stiftungen investiert, mit denen sie ärmere Menschen oder Kranke oder Behinderte unterstützen. Der reichste Mann, Bill Gates, steht da in einer guten christlichen Tradition, die in den USA weit verbreitet ist. Man folgt den Gedanken des Reformators Calvin. Reichtum, hatte der gesagt, ist ein Zeichen von Gottes Wohlwollen. Und Reichtum ist eine Leihgabe, um damit Gutes zu tun. Gutes tun – damit gewinnt man Ansehen. Dadurch gewinnt man – Unsterblichkeit!
Was hätte der reiche Kornbauer denn mit seinen Gütern machen können, wenn er die Chance gehabt hätte? Steht da eigentlich irgendetwas davon, dass er ein Geizhals gewesen ist? Hat er irgendetwas getan, das moralisch verwerflich ist? Hat er sich auf dem „Haben-Modus“ ausgeruht? Vielleicht hatte er ja einfach zu wenig Zeit, um sich zu überlegen, wohin er Teile seines Vermögens hätte spenden können. Da hat wohl jemand zu früh seine Seele von ihm gefordert!
Aber: selbst wenn dieser Bauer für seine Mitmenschen der größte Gewinn in Person gewesen wäre – er wäre trotzdem in dieser Nacht gestorben. Und wenn er sich bekehrt hätte, seinen ganzen Gewinn der Kirche gespendet hätte, wenn er als asketischer Einsiedler in die Wüste gezogen wäre, wenn er den richtigen religiösen Weg zu tiefen Einsichten in das Weltgeschehen und in seine eigene Lebensmitte entdeckt hätte, wenn er als Urwaldarzt nach Lambarene gegangen wäre und den Friedensnobelpreis erhalten hätte – alles Dinge, die heute Menschen im Ansehen der Öffentlichkeit ungeheuer wertvoll machen – er wäre trotzdem gestorben. Denn keiner ist unsterblich! Aber alle wollen irgendwie unsterblich sein. Einmal den Rausch von Ansehen und Macht erleben. Der Beste sein. Olympiasieger der Moral. Guinness-Buch der Rekord-Spenden. Du arbeitest an seinem Denkmal! Aber du bist nicht unsterblich. Auch dein Ansehen ist nicht unsterblich! An einige, wenige Menschen wird man sich noch nach Generationen erinnern – vielleicht. Vielleicht wird man tatsächlich sogar einem von euch einmal ein Denkmal setzen. Aber unsterblich ist keiner. Irgendwann zerbröseln auch die Denkmäler. Und trotzdem gibt es diesen Trieb nach Unsterblichkeit.
 „In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wo ist dann das Ansehen, das du dir erworben hast? Was hast du selbst dann von deinem Ansehen?“
Jesus Christus ist gekommen, die Sünder zu erlösen – auch von dem Unsterblich-Sein-Müssen.

4. Schritt: Reichtum in Bezug auf Gott.
„So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“ (Entsprechend dem griechischen Urtext muss es heißen: „Reich in Bezug auf Gott“)
Ist das des Rätsels Lösung? Was ist denn „Reichtum in Bezug auf Gott“? Kirchenmitgliedschaft, Mitarbeit in der Kirche, Frömmigkeit und Spiritualität, Religiosität, Gläubig-Sein, Bekehrt-Sein? Auch hier verfallen Menschen Zwängen. Und auch hier werden Menschen abhängig vom Rausch der großen Gefühle bis hin zur Ekstase. Religion kann ganz schön besoffen machen. Was Jesus meint ist: Reich sein an Beziehung zu Gott, nämlich an Beziehung, die allein Gott schenkt!
Ich erzähle noch eine Geschichte – aus meiner eigenen Familie, von meinem Urgroßvater. Opapa Heinrich war fromm – im besten Sinne des Wortes. Ein Mann, der mit allem Ernst Christ sein wollte und bei seinen Entscheidungen immer fragte: „Was würde Jesus wohl dazu sagen?“ (Sie kennen diese Frage von Pastor Martin Niemöller!?). Als Opapa eines Tages spürte, dass seine Tage gezählt waren, wurde er sehr unruhig. Seine Frau Maria war sehr einfühlsam. Sie fragte ihn: „Warum bist du so unruhig?“ Und er sagte: „Ich habe in meinem Leben alles falsch gemacht. Wie soll ich vor dem höchsten Richter bestehen können?“ Da stellte ihm die weise Ehefrau die Gegenfrage: „Und wie wolltest du vor dem höchsten Richter bestehen, wenn du alles richtig gemacht hättest?“ – Ich bin sicher, dass mein Urgroßvater verstanden hat, was sie meinte: Jeder Mensch, du und ich, wir sind vor Gott alle „Sünder“. Wir sind Menschen, die im Leben das Gute tun wollen und immer, immer wieder das Böse tun, das wir gar nicht tun wollen (Das hat schon der Apostel Paulus so von sich festgestellt). Und wir brauchen, um vor Gott bestehen zu können, ganz allein seine Gnade.
Es gibt über jedes Leben ein letztes Urteil. Und das ist Gottes Urteil. Es mag ja sein, dass dieses alte biblische Bild vom letztgültigen Gericht Gottes heute nicht mehr verstanden wird. Oder es interessiert viele gar nicht, ob es ein „jüngstes Gericht“ überhaupt gibt. Trotzdem scheint es doch allen Menschen wichtig zu sein, als guter Mensch wahrgenommen zu werden. „Ich gehöre zu den Guten!“ Sogar die Menschen, die kriminell geworden sind, möchten ihre Taten rechtfertigen: „Ich hatte einen guten Grund. Ich hatte eine schlechte Kindheit…“
Was wäre, wenn du von dieser Angst, immer gut sein zu müssen, befreit würdest? Was wäre, wenn es keinen stillen Ankläger in deinem Hinterkopf, in deinem Herzen mehr gäbe? Was wäre, wenn dir alle Sorge um Schuld und Verantwortung aus den Händen genommen wäre? Und du könntest dich endlich im weiten Raum des Lebens angstfrei bewegen?
Jesus sagt: Habt ihr eigentlich vergessen, dass ihr Gottes Kinder seid? Und dass man gerade daran gar nichts ändern kann? Kinder bleiben immer Kinder von Mutter und Vater. Diese Anerkennung als Kind Gottes gilt immer. Man kann das ignorieren. Und viele ignorieren das auch. Es ist ihnen schnurzpiep-egal. Aber ändern können sie das nicht. Ihr seid immer Kinder des himmlischen Vaters. Und das hat überhaupt nichts mit gut-Sein oder schlecht-Sein zu tun. Dass Gott euer Vater ist, dass ihr Gottes Kinder seid, DAS ist euer Reichtum! Der Reichtum, den Gott verschenkt, ohne darauf zu achten, was du geleistet hast. Oder was du dir geleistet hast. Das gibt euch Achtung und Würde.
Jesus hat das den „verlorenen Schafen“ und den „verlorenen Söhnen“ seiner Zeit zugesprochen. Und er hat sich damit den bösesten Ärger bei denen eingehandelt, die meinten, sie müssten sich Gottes Aufmerksamkeit erarbeiten. Die Moralapostel und Gerechtigkeitsfanatiker seiner Zeit haben ihn dann auch aufs Kreuz gelegt.
Und das Evangelium in dieser Geschichte, die frohe Botschaft, lautet: Der reiche Kornbauer ist ebenfalls ein Kind Gottes. Und ich hoffe, dass er in seinem Traum eine Antwort bereit hatte: „Fordere meine Seele, fordere mein Leben, fordere meinen Besitz. Mein Gewinn ist, dass ich zu deinen Kindern, Gott, gehöre“. Karl Albrecht, Bill Gates und Franz Beckenbauer sind ebenso Kinder Gottes. Und auch deine Achtung und Würdigung des Lebens hängt nur damit zusammen, dass dieser Gott dich liebt wie eine Mutter, wie ein Vater.
Du musst nicht gut sein! Und du musst dich nicht für dein Da-Sein und dein So-Sein entschuldigen. Du bist herausgenommen, befreit von dem Druck dein Leben rechtfertigen zu müssen. So wie du bist, bist du Bestandteil von Gottes guter Schöpfung. Du musst dich nicht ändern. Du kannst, aber du musst nicht. Vor Gott ist das egal!
„Jesus Christus ist in die Welt gekommen, dich selig, glücklich zu machen.“ Also ist das schon einmal nicht deine Aufgabe. Diese Angelegenheit hat Gott längst durch Jesus selbst erledigt. Du bist reich in der Beziehung zu Gott! Gott selbst hat dafür gesorgt. Also geh hin und genieße dein Glück. Lebe dein Leben. Lebe dein Leben mit Lust. Schön wäre es natürlich, wenn du dabei noch den nächsten Mitmenschen im Blick hättest, dem du etwas von diesem Geschenk Gottes mitgeben könntest. Und wo es angesagt ist, da wende seine Not. Tue das Notwendige. Wende Not und freue dich über dein Leben! Und dann sage: „Gott sei Dank!“ 

 
Predigt über „See Genezareth“, 11. August 2013
im Rahmen der Sommerpredigtreihe 2013 in Kirchheim unter Teck, Christuskirche und Auferstehungskirche

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, hier am See Genezareth beginnt die Geschichte der Christus-Bewegung, die Geschichte der Kirche. Und das geschah so:
(1) Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth (2) und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. (3) Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. (4) Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! (5) Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. (6) Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. (7) Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken.
(8) Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. (9) Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, (10) ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. (11) Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. Das können Sie nachlesen in Lukas 5, 1-11.


Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
das Bild (http://www.versacrum.de/images/cover200/sk_250.jpg), das Sie in den Händen halten, stammt von Sieger Köder, einem katholischen Priester und Künstler. Es zeigt eine biblische Szene am See Genezareth.
Mehr möchte ich noch nicht dazu sagen. Deshalb können Sie es aber schon in den Händen behalten. Ich komme selbstverständlich darauf zurück.
Seit vielen Jahren fahre ich auf die Insel Norderney. In der letzten Zeit sogar zweimal pro Jahr – mit Seniorenfreizeiten, die ich dort leite. Ich sagte schon zu Anfang, dass sich bei mir eine gewisse Vorliebe für See und Meer entwickelt hat. Liedermacher Detlev Jöcker und seinem Texter Reinhard Bäcker scheint es ebenso ergangen zu sein. Von ihnen stammt das folgende Lied.
(Ich singe / lese einmal ihr Lied vom Strand.)

1. Ich geh am Strand durch weichen Sand
und eine Spur bleibt hinter mir, der Wind wird sie verwehen.
Welche Winde treiben mich? Welchen Spuren folge ich? Wohin werd ich gehen?
2. Ich find am Strand ein Körnchen Sand
und lege es in meine Hand und fange an zu träumen:
Kleines Sandkorn unscheinbar, sag mir, wo dein Anfang war. Wie bist du geworden?
3. Ich bleib am Strand so gerne stehn,
um weit hinaus aufs Meer zu sehn, wo Wind und Wellen spielen.
Großes Meer, so tief und weit, Spielraum der Unendlichkeit, wo sind deine Grenzen?
4. Ich lieg` am Strand im weißen Sand,
blau ist des Himmels Festgewand und golden strahlt die Sonne.
Meine Augen sehn das Licht, Herz und Hände öffnen sich, alles zu empfangen.
5. Ich sing am Strand ein kleines Lied
und lad dich ein: Komm sing es mit und zähle nicht die Stunden.
Und in diesem Augenblick spüre ich mein kleines Glück: Gott, ich sage: Danke! 

Am Meer, auch wenn es nicht die Gestade des Ozeans sind, sondern „nur“ das Galiläische Meer – am Meer geschieht etwas mit mir und mit vielen anderen auch. Hier bekomme ich etwas geschenkt, was ich im Urlaub suche. Z.B. die Momente der Besinnung. Ich fange wieder an zu fragen: Wo komme ich her, wohin gehe ich? Oder der Augenblick zum Träumen – die Fantasie entfaltet sich im weiten Raum. Und die vielen Momente des Staunens, des Wunderns. Tatsächlich: ich bin bereit, alles zu empfangen. Ich vergesse die Zeit. In mir fängt es an zu singen. Dankbarkeit füllt mich aus. Ich kann es nicht beschreiben, aber ich fühle: hier ist ein Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Die Tage am Meer sind erlebte Religion.
An der Nordsee leben Fischer. Die Zahl nimmt ab. Der Fischbestand ebenso. Und die Ostfriesen fischen immer öfter und immer lieber in den Geldbeuteln der Touristen. Und wie ich das sage, weht auf einmal durch das Urlaubsgefühl ein kalter Wind. Der kalte Wind von Arbeit und Pflicht. 
Am See Genezareth leben Fischer. Wie zu den Zeiten, als Jesus von Nazareth an seinen Ufern stand. Die biblischen Erzähler lassen erkennen, dass Jesus mit der Lebenssituation der Fischer vertraut war. Kein See mit schier unendlichen Ausmaßen. Kein See, der am Horizont mit dem Blau des Himmels in Berührung kommt. Die Ufer der anderen Seite sind gut zu erkennen. Aber er ist ein See mit Tücken. Wenn völlig unerwartet die Fallwinde von den Berghängen herunter wehen, auffrischen, sind selbst erfahrene Ruderer und Segler in höchsten Nöten. Wellen platschen ins Boot, der ganze Kahn schwankt und droht zu kentern. – Und die Arbeit der Fischer kannte Jesus auch: wie sie in der Nacht bei schwachem Licht ihre Netze auslegen – ohne jeden Capri-Fischer-Schmalz. Banges Warten, Enttäuschungen über geringe Erträge, überraschende Fänge, körperliche Überforderung beim Einholen der Netze. Und über Tag – nur wenig Zeit zum Ausruhen. Die Netze sichten, flicken, neu ordnen, Boote reparieren, die Boote beladen.
Die Fischer haben heute und hatten damals keine Zeit für einen Spaziergang am Strand. Keine Zeit für tiefsinnige Gedanken, keine Zeit für romantische Gefühle, keine Zeit für Religion. Interesse – vielleicht. In seine Träume fliehen, der rauen Wirklichkeit wenigstens für Momente, für 14 Tage im Jahr, entkommen – das will doch jeder. Religion kann so etwas bieten. Aber wer ein Fischer am See Genezareth ist, kann sich das nicht leisten. Religion – schön und gut. Spiritualität – Wellness für die Seele. „Die Seele baumeln lassen“, ist ein oft gebrauchtes Zitat von Kurt Tucholsky. Die Fischer am See Genezareth können ihre „Seele“ nicht „baumeln lassen“. Sie brauchen Herz und Seele zum Anpacken. Das ist bis heute nicht anders. Mit verzückten Gesichtern und erhobenen Händen Jubelgesänge anstimmen und den religiösen Gefühlen freien Lauf lassen, ist ein Luxus, den sich eben nicht jeder leisten kann und auch nicht leisten will. Wo Leben ist, da sind Konflikte. Und wo Konflikte sind, da ist das Leben. Das Leben ist kein Rosengarten (oder wie es die Schwaben sagen: „s Läba is koi Schlotza!“) Das Leben erfordert Nüchternheit. Übrigens: auch die Briefe der Apostel Paulus und Petrus ermahnen zur Nüchternheit. Das lohnt sich nachzulesen!
Zu viel Hochstimmung und Lebensflucht, zu viel Religion macht nur besoffen („Opium des Volkes“, Karl Marx). Aber für die religiösen Sachverständigen und Moralapostel (in der Lutherbibel: Pharisäer und Schriftgelehrte) ist Religion Lebensinhalt. Außerdem können sie sich den Luxus leisten. Und aus ihrer Perspektive sind Fischer keine Kinder des Höchsten mehr. Sie haben sich irgendwie aus der Gemeinde des Volkes Gottes ausgeschlossen wie der „Verlorene Sohn“ – bei den Schweinen gelandet. „Selber schuld“, sagen die Moral-Experten und zucken die Schultern.
Und dann kommt Jesus zu diesen Fischern ans Meer von Galiläa – und sagt etwas völlig anderes. Eben nicht das, was die Pharisäer und Schriftgelehrten von sich geben. Er sagt: „IHR, die Fischer, seid Gottes Volk! IHR seid Gottes Kinder! IHR seid Schafe von Gottes Herde – möglicherweise getrennt, verlaufen, verloren von der Herde. Aber trotzdem Angehörige der Herde Gottes. Und selbst wenn ihr verloren seid: der gute Hirte sucht euch – und, da könnt ihr ganz sicher sein, der findet euch auch. Mitten in eurer Welt. Hier auf dem See! Hier auf den Feldern! Hier am Fließband! Hier auf der 7. Sohle im Pütt! Hier am Computer!“ Und dann bleibt Jesus einfach da und feiert mit den Leuten, dass sich die Tischplatten biegen
Wie erleben die Fischer das wohl? Und die anderen verlorenen Schafe des Volkes Gottes? Sie erleben es, dass sie wahrgenommen werden, beachtet, geachtet. Von Gott vermisst und gesucht – und gefunden. Ohne allen religiösen Stimmungsballast und theologischen Wissensballast. Sie erfahren, dass Gott sie liebt, sie nicht aufgibt, sie brauchen will. Und sie finden ihre Menschenwürde wieder!
Ich habe noch ein Lied mitgebracht. Es entstand 1966 in Pilgrim Pines Camp oben in den San Bernadino Mountains zwischen L.A. und Palm Springs in California / USA. Marsha Stevens hat es geschrieben. „Come To The Water“. Ein Lied, wie es die Fischer gesungen haben könnten. Ich habe es ins Deutsche übertragen.

1.) Du hast versprochen, du teilst meine Sorgen.
Du bist mir nah immer, heute und morgen.
Ich hab schon gedacht, du gehst einfach fort,
Doch du bliebst wie versprochen und hieltest dein Wort. Du hilfst sofort.
Refr.:
Und Jesus sprach: Komm an das Wasser, du sollst bei mir sein.
Still deinen Durst; denn ich sage nicht Nein.
Ich fühl deine Tränen, die im Dunkeln geweint.
Darum starb ich für dich. Und du bist mein Freund.
2.) Was du getan, übersteigt den Verstand.
Ich glaube an dich. Es war alles geplant.
Ich weiß es, du lässt mich niemals im Stich.
Du liebst, du erlöst und du rettest mich.
Warum grade ich?
Refr.:
3.) Jesus, ich schenk dir mein Herz, meinen Sinn.
Ich weiß, dass ich ohne Gott niemals heil bin.
Retter, du öffnest die richtige Tür.
Und ich danke und lobe dich immer dafür – 
Ich gehöre zur dir!
Refr.:

Und jetzt tatsächlich zu dem Bild von Sieger Köder: Es heißt „der Morgen am See“. Gemeint ist die Szene, die am Ende des Joh.-Evangeliums erzählt wird. Der Gekreuzigte, der sein Leben für seine Gottes-Geschwister, die anderen Kinder Gottes, hingegeben hat – Jesus kommt zu den Jüngern am See – als Auferstandener. Es ist dieselbe Geschichte, die auch Lukas erzählt hat. Nur: Lukas bringt sie mit dem Anfang des irdischen Wirkens Jesu in Verbindung, Johannes setzt sie ans Ende. Und irgendwie steckt die Geschichte vom „sinkenden Petrus“ auch noch mit drin
Der See Genezareth ist ein heiliger Ort. Denn hier beginnt die Geschichte der christlichen Glaubensbewegung, der Kirche. Jerusalem ist mit seinem Pfingstereignis der Geburtsort der Kirche. Der See Genezareth ist ihr Zeugungsort – der Ort, an dem der Same ausgesät wurde, das Brautbett der Kirche.
Auf dem See – die Boote. Darin die Fischer. Der See, wie schon die Wasser überall in den Texten der Bibel, ein Sinnbild für das unberechenbare Chaos, die Ur-Flut. Ständige Bedrohung. Immerwährender Lebenskampf. Zwischen Boot und Land – Simon Petrus. Der Mann steigt aus dem Boot aus. Er verlässt seine schwankende Sicherheit, die Nussschale, die ihn im Leben mit Nahrung versorgt. Ein Aussteiger! Und ein Aussteiger mit einem Ziel: Es treibt ihn ins Wasser, es treibt ihn an Land. Dorthin, wo Jesus ist!
Sehen Sie Jesus irgendwo auf dem Bild? Jesus ist nicht abgebildet. Und trotzdem ist das Bild geprägt von seiner Gegenwart.
Zwei Beobachtungen: 1.) Brot und Fisch liegen auf dem Feuer am Strand. Brot und Fisch wie bei der Geschichte von der Massenspeisung. Und wir wissen: das sieht nach wenig aus. Aber das reicht für alle. Weil Jesus sagt: das Brot – das bin ich. Wie ich das Brot mit euch teile, so teile ich mein Leben mit euch. Und die Fische sind da – das bin ich. (Das erinnert an das „Ichthys-Zeichen“, das symbolische Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes und Retter). Das sind Hinweise auf das, was Christen im Abendmahl stärkt. Jesus Christus ist da. Seine Hingabe, die Hingabe seines Lebens stärkt und gibt Kraft, die Herausforderung dieses Leben mit Last und Lust anzunehmen. 2.) Wohin ist der Blick des Petrus gelenkt? Ich fühle MICH angesehen. Der Blick gilt dem Betrachter. Das bist Du, das bin ich. Ich stehe an Jesu Stelle. Ich bin nicht Jesus. Aber ich kann lernen, wie Jesus zu sehen. Ich kann lernen, wie Jesus andere Menschen anzusehen. Der Nächste neben mir ist anders als ich. Aber er ist Kind Gottes wie ich. Selbst wenn er nach den offiziellen Maßstäben der moralischen Gesellschaft Abschaum wäre – dieser Mensch an deiner Seite ist Kind Gottes, und er verdient es, von dir angesehen zu werden, wie Jesus Christus dich angesehen hat.
Am See Genezareth wurde die Geschichte angezettelt. Und wir stehen hier wieder am Strand. Wo wir ihm begegnen! Und seine Geschichte lebt. Seine Bewegung lebt. Jesus Christus lebt. Und wir mit ihm. Da berühren sich Himmel und Erde.


Predigt am Himmelfahrtstag, 9. Mai 2013, "Open-Air" Gottesdienst an der Alten Bahntrasse, Sprockhövel.

Liebe Himmelfahrtsgemeinde, liebe Schwestern und Brüder.
Wie hat das eigentlich funktioniert mit der Himmelfahrt? Da haben sich schon viele kluge Leute Gedanken gemacht. Zum Beispiel vor etwa 100 Jahren. Zwei Theologen treffen sich. Der ältere, eher etwas orthodox eingestellt - „null“ Ahnung von Naturwissenschaft. Der jünger ist da schon etwas moderner. Und der jüngere fragt: „Sagen Sie mal, Herr Kollege, wenn unser Herr Jesus in den Himmel gefahren ist – mit welcher Geschwindigkeit mag das wohl gewesen sein?“ Der ältere ist völlig arglos und meint: „Vielleicht so schnell wie eine Kanonenkugel.“ Darauf der jüngere: „Na, dann fliegt er noch!“
Eigentlich wissen das doch längst alle: das Himmelreich ist nicht der Himmel da oben. In der englischen Sprache ist der Unterschied deutlicher: „Sky“ – das ist der Himmel da oben, und „Heaven“ – das ist das Himmelreich Gottes. Wenn das irgendwo hinter dem Rand des Weltalls wäre, hätte Jesus mit Lichtgeschwindigkeit dahinzischen können, und er wäre tatsächlich immer noch nicht am Ziel.
Wo ist denn überhaupt das Himmelreich? Das hat man Jesus früher auch schon gefragt. Und Jesus hat geantwortet: Unmittelbar nah. Eigentlich schon mitten unter euch. Da haben sich die Leute die Augen gerieben und gesagt: Wo denn? Wir sehen nix! Und Jesus hat ihnen erzählt, wie und wo. Z.B.: Ein landwirtschaftlicher Pächter findet überraschend einen Schatz in der Erde. Das verändert total sein Leben. Und ein anderer Bauer sät, und die ganze Saat droht kaputt zu gehen – aber am Ende kann er doch noch reichlich ernten. Oder er erzählt die anrührende Geschichte, wie ein Mann seinen schon tot geglaubten Sohn wieder in die Arme schließen darf. „Seht hin!“ sagt Jesus. „Wo immer so etwas passiert, da berühren sich Himmel und Erde. Da siehst du die Spuren Gottes.“
Also: wie ist das mit dem Himmel? Es hängt von Gott ab, wo Himmel ist. Und: Himmel ist da, wo Gott ist. Und wenn Gott dich berührt, dann ist genau, wo das geschieht, an dem Ort, genau zu der Zeit Himmel. Nämlich da, wo keiner mit gerechnet hat. Wo das Unerwartete geschieht, das Wunderbare, das Wunder eben. Da, wo du wieder anfängst zu staunen. Da, wo alle anderen die Hoffnung schon aufgegeben haben. „Wunder gibt es immer wieder“, hat Katja Ebstein einmal gesungen. Und der Himmel ist nah! Also: Himmelreich ist nicht da oben. Himmel ist immer vor dir. Himmel ist, wenn Gott auf dich zu kommt.
gem. Lied: „Heaven is a wonderful place“ 

Ich lese ein paar Sätze aus dem Johannesevangelium vor. Es sind Sätze, die für heute offiziell als Predigttext vorgeschlagen sind: aus dem Abschiedsgebet Jesu – Worte, die Jesus vor seiner Kreuzigung für seine Jünger gebetet hat. Da steht z.B.: „Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.“ Im Zusammenhang mit dem, was ich eben über den Himmel gesagt habe, heißt das doch, dass Jesus betet: „Meine Leute hier haben erkannt, dass der Himmel, Gott, da ist, wo ich bin.“ („Sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.“)
Liebe Schwestern und Brüder, ich weiß nicht, ob das allen klar ist: mit diesen Worten sind wir an der Kernsubstanz des christlichen Glaubens: Wer mit Jesus zu tun bekommt, der bekommt es unmittelbar mit Gott selbst zu tun. Keine Heilige Schrift, kein Gesetz, keine Regeln, keine schriftlich fixierbaren Werte – das Wort Gottes ist Fleisch und Blut, ist eine Person, ist der Mensch Jesus. Jesus ist Wort Gottes in Person. Und wer sich mit Gott auseinandersetzen will, muss sich mit Jesus auseinandersetzen – mit diesem einen Menschen.
Am Anfang habe ich von den Spuren Gottes gesprochen. Spuren aber – das wissen alle Spurenleser seit Karl May – sagen noch gar nichts darüber aus, mit wem man es zu tun hat: Freund oder Feind. Dem Spuren-Verursacher muss man schon nachgehen, persönlich treffen. Dann wird’s klar!
Jesus hat den Menschen damals die Augen für Gott und das Reich der Wunder geöffnet. Er hat gesagt: „Gott lebt mit euch und begleitet euch als liebender Vater durch euer Leben. Ihr seid doch seine Kinder!“ Und dann hat er sich vor allem mit denen an einen Tisch gesetzt, die das von sich selber nicht geglaubt haben. „Kind Gottes? – Kann ich mich nicht drum kümmern. Ich muss sehen, dass ich die Steine aus dem Acker rauskriege. Himmelreich? Meine Fischernetze sind kaputt, die muss ich flicken. Sonst kann ich heute Nacht nichts fangen.“ Einfache Leute, die schwer malochen mussten. Viele dabei, die gesellschaftlich eigentlich schon abgeschrieben waren. Damit hat Jesus allerdings den Konflikt mit den Meinungsmachern und Eliten von damals riskiert. Die haben ihn dafür aufs Kreuz gelegt. – Ein hoher Preis
Aber: seitdem können Menschen es endlich genau wissen! (Glauben heißt ja wissen – erst recht wissen, und zwar wissen, was andere wohl nicht wissen!) Sie wissen endlich, dass es den Himmel gibt. Und sie wissen – wir (!) können es wissen – wie Gott die Beziehung zu seinen Menschen gestaltet: getrieben von dem Impuls, diese Menschen als seine Kinder immer wieder neu zu beschenken – zu beschenken mit Leben. Reine Liebe, zärtliche Zuwendung
Wie also kommst du in Kontakt mit dem Himmel? Antwort: Indem du dich von diesem lebendigen Wort Gottes ansprechen lässt, von Jesus Christus selbst. Wenn du das tust, findest du dich ein im Himmelreich der Liebe.
gem. Lied: „Heaven is a wonderful place“

Und wie soll das gehen: Sich von Jesus ansprechen lassen? Jesus ist weg. Deshalb gibt es doch diesen Feiertag. Himmelfahrt – das heißt doch wohl zu allererst: Jesus ist weg! Und jetzt? Die Jünger müssen auf eigenen Beinen stehen, laufen.
Aber vorher hat Jesus ihnen noch etwas gesagt. Sie werden sogar gesendet. „Ihr seid jetzt erwachsen!“ meint Jesus. „Jetzt seid ihr dran, Berührungspunkte mit dem Himmel zu sein! Ihr werdet meine Zeugen sein!“ In der Bibel wird erzählt, wie sie später den Heiligen Geist erhalten (das wird immer am Pfingstfest gefeiert). Dadurch tritt die Jüngerschaft aus dem Kinder-Stadium in das Erwachsenen-Stadium. Von da an sind sie, sind wir „mündige Christen“ (so hat der bekannte Dietrich Bonhoeffer das genannt) – als Kinder Gottes, aber wie erwachsene Kinder – als Partner (Ebenbilder) und Mitarbeiter („Manager“) Gottes. Erwachsen gewordene Kinder Gottes. Also, mündige Christen, auf, ans Werk! Gott liebt dich, und Gott braucht dich!
Und welches Werk ist gemeint?
Die Kirche hat ihre Aufgabe immer darin gesehen, Repräsentantin der Liebe Gottes zu sein und Anwältin der Menschenwürde, für die Überwindung der Entfremdung (Sünde). Das ist zwar im Laufe der Geschichte oft gründlich vermasselt worden. Vertreter der Kirchen waren dann wohl Gesandte der Botschaft Christi, aber nicht gerade Geschickte. Die Aufgabe ist jedoch geblieben – und zum Glück auch immer wieder fortgesetzt worden. Botschafter der Liebe Gottes, Botschafter für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.
Aus dem Gebet Jesu klingt noch ein Wort besonders heraus: „Eins-Sein!“ Nicht allein Gott und Jesus sind eine verschmolzene Einheit in der Liebe, sondern auch die beauftragten mündigen Christen. „Eins-Sein“ sollen sie, sollen wir – auch hier auf dieser Wiese. Dabei sind doch alle so auffällig verschieden: Frauen, Männer, Kinder, Senioren, Katholische und Evangelische und Noch-anders-Gläubige und Gar-nicht-Gläubige, Einheimische, Zugereiste und Eingewanderte. Wie soll das klappen mit dem Eins-Sein?
Die Ökumenische Bewegung hat dieses Eins-Sein als Motto ihrer Arbeit erwählt: „Auf dass sie alle eins seien“. Sie hat die Formel geprägt von der „Einheit in Vielfalt“. Und sie lebt das vor: viele verschiedene christliche Vereinigungen finden zusammen in einem Bekenntnis und in der Verpflichtung, Repräsentanten der Liebe Gottes weltweit zu sein. In diesem Jahr wird es wieder eine Vollversammlung des Weltkirchenrats geben – in Südkorea.
Und wir haben hier ja auch das, was uns zu einer Einheit zusammenhält: Wir haben doch das Geschenk der Liebe Gottes, die diese Einheit möglich macht – bei allen Differenzen. Verliebte erleben das: „Vive la difference!“ Es lebe der Unterschied. Du bist anders als ich, und ich bin anders als du. Und, in Gottes Namen, das ist völlig in Ordnung. Da wird Liebe draus! Da wird sogar Religion prickelnd, sexy. Und genau so gehören wir zueinander! Zusammen! Eins! Das ist himmlisch! Gott sei Dank!
gem. Lied: „Heaven is a wonderful place“

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